Foto: Martina Thalhofer
I Jung Lim
Frauen sagen, wenn Frauen alt werden, werden sie Kuh oder Ziege, werden Schwergewicht oder Gerippe. Die Dicken, also die Kühe, heißt es, tragen ihre Bürde selbstverschuldet durch Völlerei und Faulheit. Die Dicken, sagen die Ärzte, leben nicht ganz so viele Tage. Die Industrie rückt dem Dicksein mit Fitnessarmband und Schlankheitspulver zu Leibe. Die Dünnen lässt sie in Ruhe.
Die südkoreanische Choreografin I Jung Lim fragt frech: Warum gelten die Dicken dann als die sozialeren Menschen? Bei der Dünnen, vulgo der Tänzerin, ist nur die Wirbelsäule sichtbar, kaum jedoch das Fleisch. Bei der Dicken, die nicht tanzen kann, verbirgt das viele Fleisch die Wirbelsäule, sodass es aussieht, als trüge allein das Fleisch den Körper. Es fehlt die sichtbare vertikale Linie. In ihrer Abschlussarbeit am Masterstudiengang Choreografie des Hochschulübergreifenden Zentrums Tanz in Berlin hat I Jung Lim nun folgenden Beweis geführt.
Auf einem bühnengroßen Tisch steht ein dicker Baum als Verkörperung einer besonders dicken Wirbelsäule. Daneben, in die Luft gehängt, schwebt splitterfasernackt eine wonnig dicke Dame, die bald zu Boden geht und von dieser Bodenhaftung durch ihr die Wirbelsäule angreifendes Gewicht kaum loskommt. Ihre Partnerin ist ebenso nackt, eine Tänzerin wie aus dem Bilderbuch. Die Wirbelsäule spannt durch die Haut, ebenso die Rippen. Beide Körper begegnen einander mit größter Sorgfalt, bilden ein skulptural anmutiges Duo aus sehr dick und sehr dünn, eine Körperlandschaft, die den Blick lenkt auf den Grad der Biegsamkeit der Wirbelsäule in Beziehung zum Fleisch, das der christliche Glaube sündig nennt. Die Südkoreanerin ist fasziniert von diesem Verdikt und führt zumal das hängende, also träge Fleisch, das die Wirbelsäule nicht trägt, sondern von ihr getragen wird, schamlos vor unsere Augen in ihrer verheißungsvollen Abschlussarbeit «Eine Studie über die verschiedenen Positionen der Wirbelsäule in Verbindung zur Anmut des menschlichen Körpers».
Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Hoffnungsträger, Seite 179
von Arnd Wesemann
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