Die Hoffnungsträger

Louise Bédard

Tanz - Logo

aus Montréal, eigentlich längst eine Veteranin unter den kanadischen Tänzerinnen und Choreografinnen, hat jüngst mit einem Solo-Auftritt in Catherine Gaudets «Pluton, Acte 1», einer Produktion der choreografischen Plattform «La 2e Porte à gauche», überrascht. Sie beginnt ihren Part mit einem Flüstern, das sich zum Brabbeln eines Kleinkindes und schließlich zu kehligem Stöhnen steigert.

Eindrucksvoll und rückhaltlos gestaltet sie die erwachende Wut und verzweifelte Leidenschaft eines Menschen, der in die surrealen Gefilde einer beginnenden Alzheimer-Demenz schlittert – einer schrecklichen Leere entgegen, in der sich schon die schlichte Begrüßung «Bonjour» zu einer gänzlich verinnerlichten Erlebniswelt auswächst.

Andere Äußerungen erlangen die Intensität einer flammenden Anklage. Dann wieder ruft sie sich in kürzesten Sätzen Erinnerungssplitter aus der eigenen Vergangenheit ins Gedächtnis: Kindheit in Québec, ihre frühe Liebe zu Hunden und Katzen. Mit quälenden Zuckungen im Gesicht und bedrohlich-übertriebenen Betonungen steigert Bédard die von Gaudet erdachte Verbal-Performance zu einer derartigen Intensität, dass Momenten der Stille, von Blicken, ineinandergleitenden Bewegungs- und ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Jahrbuch 2016
Rubrik: Die Saison 2015/16, Seite 156
von Philip Szporer

Weitere Beiträge
Zwischen Ufern

Radhouane El Meddeb steht auf einem Teppich aus weißem Ziegenleder, wendet dem Publikum seinen entblößten Rücken zu und starrt in die Ferne. Links liegt, ebenfalls weiß, eine Skulptur: ein toter Ziegenkörper. Erinnerung an das ländliche Tunesien? El Meddeb begann seine Laufbahn als Schauspieler, Regieassistent und Dramaturg in Tunis, bevor er sich im Alter von 26...

Q & A

Eiko Ojala, was ist Ihnen beim Anfertigen Ihrer Arbeiten zum Thema «Grenzen» für das Jahrbuch tanz durch den Kopf gegangen?
Als ich mich mit dem Thema befasst habe, wollte ich nicht nur die physischen Grenzen untersuchen, die uns umgeben, sondern vor allem auch die Frage, wie sich solche Grenzen auf unser Inneres auswirken. Wie sie unser Denken und Handeln...

Die Hoffnungsträger

In einer Spielzeit, in der die Diskussion um die mangelnde Sichtbarkeit von Choreografinnen und deren Kreationen auf britischen Tanzbühnen zum Teil künstlich hochgepusht wurde, hat sich paradoxerweise genau das Gegenteil eingestellt: Selten sind so viele Vertreterinnen dieser Zunft in Erscheinung getreten, so jüngst auch eine Tänzerin des Scottish Ballet – Sophie...