Übersetzte Räume

Gerald Siegmund über die (mit-)teilenden Raumkonzeptionen von William Forsythe. Der Unterschied zwischen einem Tanz- und Theaterraum besteht vor allem darin: beim Tanz müssen sich die Zuschauer umdrehen

Tanz - Logo

Die Zuschauer müssen sich umdrehen.
Zwischen dem ersten und dem zweiten Teil von William Forsythes jüngster Choreografie «Clouds After Cranach», das sowohl als eigenständiges Stück als auch als Teil von «Three Atmospheric Studies» aufgeführt wird, müssen wir unsere körperliche Position verändern und damit eine andere Perspektive auf das Geschehen auf der Bühne einnehmen. Wir werden dazu angehalten, die Seiten zu wechseln, um das in Augenschein zu nehmen, was im ersten Teil ausgeschlossen war.

Die Drehung trennt und verbindet die beiden Teile gleichzeitig, indem sie den ersten Teil rückwirkend mit Bedeutung auflädt, ohne dass dieser sich eins zu eins in den zweiten auflösen ließe.

Vielmehr verhalten sich die beiden Teile zueinander wie Übersetzungen – von Blicken, von Tanz in Sprache, von der reinen, scheinbar abstrakten Bewegung des ersten auschoreografierten Teils, der sich selbst genügte, in Worte und damit in eine Geschichte, die Jone San Martin im rosafarbenen Kleid auf einem Stuhl sitzend Satz für Satz ausbuchstabiert. Ihr Sohn sei verhaftet worden, weil er ihrer Tochter und ihren beiden Freundinnen helfen wollte, die bei einem Anschlag auf ein Haus in Lebensgefahr geraten ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Jahrbuch 2006
Rubrik: Schwerpunkt, Seite 114
von Gerald Siegmund

Vergriffen
Weitere Beiträge
Die Tanzoper

Der anhaltende Barockboom fördert immer neue Oper-Kostbarkeiten zu Tage. Hier Vivaldi, da Rameau. Man kommt aus dem archivarischen Staunen kaum noch heraus. Manches freilich lag teilweise auch zu Recht im Regal. Für anderes fehlten Ideen für die Umsetzung. Das brave Bemühen auf historische Tänze spezialisierter Wissenschaftler machte mit ein wenig Hüftwackeln und...

Korsett

Was ist mein Raum?

Der Raum ist das Korsett der Befreiung. Ein Raum ist ein Korsett, sonst hätte man alle Welt zur Verfügung. Es ist der Raum, nicht die Bewegung, der zu einer Limitierung, einer Einengung führt, der den Widerstand überhaupt erst ermöglicht, die Bewegung notwendig macht, eben nicht beliebig, sondern not-wendig, im Sinn von Tanz. Aus einer Not, die...

Jorma Elo

Some years ago, Finnish artist Jorma Elo was a dancer at the Nederlands Dans Theater in Den Haag. He was happy and motivated, working with Jirí Kylián. But Elo’s creative talent was growing and he wanted to break through as a choreographer. When his 12th workshop choreography was ready, he found Mikko Nissinen, director of the Boston Ballet and his old classmate...