Traditionen oder Leben? Lebendige Traditionen!
Lieber Jochen Sandig,
ein Utopist wollen Sie sein. Als solcher jedenfalls präsentierten Sie Sasha Waltz‘ Idee des living archive. Und weil Sie die so leidenschaftlich vertreten, möchte ich Ihnen als dem nun Verantwortlichen antworten: Es gibt grundsätzlich gut gemeinte Ideen, die – nicht zu Ende gedacht – sich in ihr Gegenteil verkehren, und es gibt Utopien, die sich als Albträume erweisen.
Sie wollen den geliebten Tanz mit Hilfe einer großen, vielleicht sogar nationalen Repertoirekompanie gegen seine eigene Flüchtigkeit und Vergänglichkeit schützen und ihn auch über seine an die jeweiligen Tänzerkörper gebundene Aufführungszeit am Leben halten, oder wie Sie sagten: ihm ein zweites, drittes, viertes Leben schenken – und fordern damit einen Untoten-Apparat, der Tänzer zu Erfüllungswerkzeugen eines «lebendigen Archivs» machen soll.
Dieser Apparat wird – und das ist das Monströse an diesem Vorhaben – mit seinem ausgewählten Repertoire ganze Tanzlandschaften mit zarteren Gewächsen unter sich begraben. Die Direktoren dieser Kompanie müssten quasi nebenher unzähligen Tanzschaffenden und deren Arbeiten, die heute nicht unter dem Label «Best of contemporary dance» laufen, einen anonymen ...
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