allegorie der vernichtung
Sie sind natürlich auch an diesem Abend nicht vergessen: die zahllosen jungen Frauen, die sich in mehr als 100 Jahren schon als «Sacre du printemps» zu Tode getanzt haben. Die rasten, taumelten, stürzten, nackt und schweißüberströmt, zarte Menschenkörper, geopfert fürs höhere Ideal. Sie sind die spukhaften Referenz-Leiber in den Köpfen der Zuschauer – gerade weil der italienische Performance-Star Romeo Castellucci seinen «Sacre» von allem Fleisch befreit hat. Kein Körper, nur mehr seine allerletzte, haltbarste Essenz tanzt bei Castellucci durch die Luft.
Als weiße Wolken, wilde Fontänen, sanftes Sanduhr-Geriesel: sechs Tonnen Knochenstaub aus den abgeschabten, durchgekochten, mit Hitze zersetzten Skeletten von 75 Rindern. Ein Industrieprodukt, nämlich Düngemittel für die Landwirtschaft, das also tatsächlich ganz «Sacre»-gemäß der Fruchtbarkeit dient und in der fantastischen Inszenierung aus einer gigantischen Deckenkonstruktion gen Boden geschossen wird. Ein Maschinen-Himmel, der seine Toten wieder ausspuckt.
Castelluccis «Sacre du printemps», das ist: die populärste Skandal-Ikone der Tanzgeschichte als Industrie-Kult. Aus einem frühzeitlichen Ritual wird ein futuristisches ...
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Tanz Dezember 2014
Rubrik: bewegung, Seite 4
von Nicole Strecker
Das Ballett beginnt Schwarz in Schwarz. In einem düsteren Salon versammeln sich die Gäste und trauern um Anna Karenina. Das mag der geneigte Ballett-Geher raten oder nicht. Wissen wird er es zum Schluss: wenn sich dieselbe Gesellschaft um die Tote versammelt. Der Anfang ist einer der wenigen Eingriffe Christian Spucks in die chronologische Abfolge der Ereignisse...
Wenn ein Neugeborenes erschrickt, spreizt es die Arme weit, sperrt Mund und Augen auf, atmet ein und zieht sich dann, oft mit einem Schrei, eng zusammen. Affenbabys klammern sich schutzsuchend ans Fell der Mutter. Dieser sogenannte Moro-Reflex ist der erste Überlebensreflex. Er entsteht bereits in der zwölften Woche nach der Empfängnis und provoziert bei der Geburt...
Wie ein Windstoß stürmt Gianni Cuccaro über die Bühne, alle Einwände hinwegfegend: ein Schwadroneur im Norwegerpulli, der sich in seiner Muttersprache in das eigene Luftschloss versteigt. Ihm folgen kann da eigentlich nur die Aase der Alice Baccile, wie der Bielefelder Peer aus Italien stammend. Deutschtümelnd treiben ihn die anderen Ensemblemitglieder des...
