Schwanensee - aufgetaucht

In Saarbrücken zeigt Marguerite Donlon mit viel Humor, welches Potenzial im Reißer der Romantik wirklich steckt.

Tanz - Logo

Die Mutterliebe ist ein Papierschwan. Unschuldig weiß und mit scharf gefalteten Kanten, so wird er dem Sohnemann überreicht. Aber wenn er sich leise bei seiner Mutter anlehnen will, wendet sie sich brüsk ab – das Origami-Tierchen muss reichen. Mit gesenktem Kopf und schlaksig stellt Siegfried es zu den anderen in seine Schwanensammlung, die mehr von Liebesentzug als von Liebe erzählt.

Das viel beschriebene Abhängigkeitsverhältnis von Mutter und Sohn in «Schwanensee» legt Marguerite Donlon in Saarbrücken ein paar Grad kälter an als üblich.

In ihrer Neufassung des Klassikers, «Schwanensee – Aufgetaucht», lässt die Mutter ihren Siegfried eiskalt auflaufen. Liliana Barros spielt die kühle Schönheit, die ihren Sohn von ihren Angestellten bestens umsorgen lässt, sich aber stets ruppig seinen zaghaften Annäherungsversuchen entzieht. Wenn er später versucht, sich gegen diese Gefühlskälte aufzulehnen und seine Unabhängigkeit behaupten will, wäscht sie ihm ordentlich den Kopf und schickt ihn mit erhobenem Zeigefinger zurück auf die Tanzfläche, damit er sich endlich eine Braut aussucht.

Ist «Schwanensee» sonst ein Ballett der Frauen, schneidet es Donlon stark auf Siegfrieds Coming-of-age zu, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Mai 2009
Rubrik: Premire, Seite 26
von Esther Boldt

Vergriffen
Weitere Beiträge
Neumeier über Nijinsky

John Neumeier, Sie sind der Choreograf, der sich am längsten und intensivsten mit dem Werk von Vaslav Nijinsky befasst hat. Sie haben sogar die größte Nijinsky-Kollektion aufgebaut. Warum eigentlich?
Eine Antwort auf die Frage nach dem Warum würde bedeuten, dass ich das absichtlich gemacht habe. Es ist auch nicht so, dass ich eines Tages die Ambition hatte, die...

Manolo Marín

Sie wuchsen in der Franco-Zeit auf und gehören wie Antonio Gades, Mario Maya und Cristina Hoyos zu einer Generation, die in den 1970er und 80er Jahren den traditionellen Flamenco entscheidend modernisiert haben. Bei Ihnen blieb der Flamenco ein spezifisch spanischer, eben andalusischer Tanz. Können ausländische Tänzer denn überhaupt die gleiche Ausdrucksfähigkeit...

Mit den besten Empfehlungen: Wo Nijinsky und die Ballets Russes

Monte Carlo

«Étonnez-moi», soll Sergei Diaghilev zu Jean Cocteau gesagt haben. Unter diesem Titel gibt es nicht nur im Neuen Nationalmuseum von Monaco, in den Räumen der Villa Sauber und im Sporting d’Hiver, eine Ausstellung zum Thema «Serge Diaghilew et les Ballets Russes». Jean-Christophe Maillot, Direktor der Ballets de Monte-Carlo, scheint selbst mit seinem...