darmstadt
Guy Debord war französischer Chefdenker und Gründer der kapitalismuskritischen Situationistischen Internationale. 1978 schuf er seinen letzten Film, dessen Titel sowohl vorwärts wie rückwärts gelesen «in girum imus nocte et consumimur igni» hieß. Zu Deutsch: «Wir irren des Nachts im Kreis umher und werden vom Feuer verzehrt». Nun prangt dieser altrömische Dichtersatz über Marcos Moraus jüngstem Werk – und wird in eine zutiefst religiöse Dimension übersetzt.
Satan entsteigt da in Person eines Knaben der Hölle, die Morau in Voronia vermutet, der tiefsten Höhle der Welt, am Schwarzen Meer. Am Ende wird dieser Knabe das Christuskreuz tragen. Ein Wunder, oder eben ein Palindrom, denn so nennt man, was sich von vorn wie von hinten identisch lesen lässt. Da werden bald ein Muslim, ein Jude und ein Christ vor einen Personenaufzug an einem reich gedeckten Tisch einschlafen. Ein Tanzpaar wird ihnen erscheinen, Satan und Christus, ohne dass sich je entscheiden ließe, wer welcher ist. Nur in der Angst gibt es einen Verführer, und nur in der Hoffnung einen Erlöser.
Auch wenn das Ensemble aus acht Tänzern und neun Statisten zu Beginn und zum Ende zutiefst ergeben den roten Tanzteppich saugt und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz Oktober 2015
Rubrik: kalender und kritik, Seite 42
von Arnd Wesemann
frankfurt, dresden
THE PRIMATE TRILOGY
Jacopo Godani übernimmt The Forsythe Company und setzt fort, was Dresden und Frankfurt, Hessen und Sachsen finanziell ermöglichen – eine Tourkompanie, an der vieles neu ist: der Chef, die Tänzer, das Programm, vor allem der Name: Dresden Frankfurt Dance Company heißt nun leicht liebedienerisch das Gebilde, das die Handschrift...
Ob «Nussknacker», «Manon» oder «Le Chant de la terre» − die Presse feiert den Tänzer Mathieu Ganio stets so einmütig wie überschwänglich. Mit 31 Jahren ist der Danseur étoile auf dem Gipfel seiner Kunst angelangt. Dorthin bringt er mit: eine elegante Ausstrahlung, tiefblaue Augen, ein betörendes Lächeln, makellose Technik – kurzum die Erscheinung eines...
Die Bühne ist dunkel. Kaum kann man erkennen, dass sich hier ein Frauenkörper in schwarzer Hose und offenem blauem Hemd bewegt. Langsam schreitet die Gestalt auf eine schwarze Wand zu. Und flüstert: «Hier, hier ist es gut ... bleib standfest ... jetzt lass dich fallen, lass dich einfach fallen!» Lautlos sinkt ihr Körper zu Boden, und endlich dreht sich der schwarz...
