gisele vienne

Wo die Harmonie der Ordnung auf die Schönheit des Zerfalls trifft, beharrt die choreografierende Puppenspielerin auf der Brutalität des Widerspruchs.

Tanz - Logo

Man muss lesen, was man zu sehen nicht erträgt. Dazu fordert der Schauspieler auf und lässt die Handpuppen sinken. Also Blättern im Programmheft: «Auf der Leinwand ist zu sehen, wie Wayne mit einer Zange die Finger des Jungen abschneidet. Dean steckt die Faust in den Arsch des Jungen, und mit der anderen Hand würgt er ihn. Er lutscht am schlaffen Schwanz des Jungen, als ob sie sich lieben würden. Der Junge schreit, jedenfalls ist sein Mund weit offen.» Der Serientäter ­Dean Corll folterte in den Siebzigern mehr als 20 Jungen zu Tode. Zwei ihm völlig ergebene Teenager assistierten.

Einer von ihnen, David ­Brooks, lernte im Gefängnis das Handpuppenspiel und versuchte, seine Taten zu verarbeiten, indem er das, was geschehen war, Psychologiestudenten vorspielte. Der Schauspieler Jonathan Capdevielle spielt diesen Brooks. Die Choreografie des Grauens kriecht ins Ohr. Exaltierte Stimmen, Schmerzgeräusche, grausiges Gurgeln rumoren zwischen Magen, Lunge, Schlund und Mundschleimhäuten des Performers, während er mit den Puppen nachstellt, was passierte, bis er verstummt. Speichelfäden tropfen aus seinem Mund. Wir werden zu stummen Zeugen des Gewaltexzesses.

Basierend auf dem wahren Fall des ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz März 2011
Rubrik: menschen, Seite 22
von Katja Schneider

Weitere Beiträge
zürich: das fabriktheater...

...bekommt eine neue Leitung. Der Choreograf und Kulturmanager Michael Rüegg (Oona Project), der Performer und Regisseur Michel Schröder sowie die Dramaturgin und Theaterleiterin Silvie von Kaenel wollen neben dem Theaterhaus ­Gessnerallee die fast vergessene Rote Fabrik neu etablieren als «ein Theater, das den Künstlern auf Augenhöhe begegnet und auch nach außen...

online: digitaler atlas tanz

Das letzte Projekt von «Tanzplan Deutschland» soll das dauerhafteste bleiben – im Internet. Margue­rite Joly und Franz-Anton Cramer wollen die Bestände der fünf deutschen Tanzarchive – der Akademie der Künste und des Mime Centrums in Berlin, des Bremer Tanzfilminstituts, des Kölner Tanzarchivs und des Tanzarchivs Leipzig – nach internationalem Standard...

kunst der masse

Wo liegt die Nahtstelle, an der Choreografie in Tanz übergeht? Gibt es sie überhaupt? Und wenn ja, welche Farbe hat sie? Joanne Leighton versucht es mit rotem Klebeband. Im Straßburger Musée d’Art Moderne et Contemporain markiert sie damit vier Linien, die das Publikum bitte nicht überschreiten möge. Täte es dies, so würde es nicht nur die Bewegungsfreiheit der 99...