Der Song der Stille

Zum ersten Mal gestattete die berühmte Brüsseler Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker einem Tanzjournalisten, ihr bei der Arbeit zuzuschauen. «The Song» heißt das neue Stück, dessen Entstehung ballet-tanz exklusiv beobachten durfte. Aber kein Orchester spielt auf, keine Band, auch der CD-Player schweigt.

Tanz - Logo

«Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.» Das uralte Zitat von Karl Valentin liegt, in deutscher Sprache, auf dem Schreibtisch von Anne Teresa De Keersmaeker. «It’s a present from a friend», lächelt sie. Ganz offensichtlich von jemandem, der ihre Arbeit gut kennt. Denn nur auf wenige Künstler mag Valentins Bonmot so zutreffen wie auf die Gründerin der weltberühmten Rosas-Kompanie.

Was im Ergebnis auf der Bühne so spielerisch leicht, so spontan und frisch wirkt, wenn die Tänzer ihre spiralförmigen Bahnen ziehen, wird bei ihr bis ins letzte Detail und manchmal bis zur Erschöpfung geprobt. Eine halbe Sekunde hier, ein paar Zentimeter dort machen bei ihr schon einen Unterschied. Wenn alles stimmt, fließen Energie und Bewegung der Gruppe wie aus einem Guss. Eine Sekunde Verspätung könnte das Uhrwerk einer Szene durcheinanderbringen. Darum gilt bei ihr auch: «The organization of space makes the organization of time.»

Bei den Proben zu ihrem neuen Stück, «The Song», gibt es kaum Musik. «The Song»? Welcher denn? Die Stille der Bewegungen klingt wie die Suche nach dem Echo einer Zeit. In «The Song» forschen Körper nach den Schwingungen, die die Beatles mit einigen ihrer frechsten und ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Juli 2009
Rubrik: Anne Teresa De Keersmaeker, Seite 10
von Thomas Hahn

Vergriffen
Weitere Beiträge
Bolshoi: «Coppélia»

Es ist die exakt achte Ballettversion von Léo Delibes’ «Coppélia» am Bolshoi seit 1882, als das französische Ballett in der Inszenierung von Joseph Hansen zum ersten Mal nach Moskau kam. E.T.A. Hoffmanns Mädchen mit den Glasaugen wurde seitdem von Alexander Gorsky gepflegt und nun über Bord geworfen zugunsten einer Neuinszenierung des Petersburger Choreografen...

Die Highlights im Juli

Soft Cut

Sabine Glenz’ Bewegungen sind klar, minimalistisch und genau auf den ersten Blick. Von schlichten Schauwerten lässt sich die Münchner Choreografin und Tänzerin nie verführen. Beobachtet man die spannungsvoll verfremdeten Alltagsges-ten mit ihren scheinbar flüchtigen Abweichungen länger, scheint der Tanz – scheinen die Körper in der Tat den Aggregatzustand...

Jenseits

Eine gewöhnliche Bühne zeigt den Tänzer immer nur von der Seite, die er dem Publikum gerade zuwendet. Selbst wenn sich der Tänzer dreht, bleibt er streng genommen immer nur aus der einen frontalen Perspektive sichtbar.

In Australien wurde nun eine sogenannte «infra sphere camera technology» entwickelt, die die Künstler Jeffrey Shaw und Sarah Kenderdine nach Europa...