Überliefern
Selbst ein so berühmtes Werk wie Vaslav Nijinskys «Le Sacre du printemps» wirklich rekonstruieren zu wollen, wäre verlorene Mühe, gäbe es nur die fixe Idee einer absolut originalgetreuen Reproduktion. Der Versuch, dem Original selber gleichzukommen, schrieb schon Walter Benjamin in seinem Aufsatz «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit», kann immer nur der Versuch einer Annäherung sein.
Seit Jahrzehnten suchen Millicent Hodson und Kenneth Archer in London mit kriminalistischem Gespür nach Zeugnissen zu Nijinskys «Jeux», «Sacre» und «Till Eulenspiegel», um nach eingehender Prüfung aus ihnen keine Reproduktionen, sondern ehrlicherweise «reasonable facsimiles» herzustellen, wie sie es nennen – sinnvoll nachgeahmte Kopien. «Wir forschen als Wissenschaftler und rekonstruieren als Künstler» lautet ihr Motto – das sich zuletzt in der Übersetzung von Nijinskys «Sacre» am Hamburg Ballett im Rahmen von John Neumeiers «Hommage aux Ballets Russes» großartig bewies. Ihr Motto besagt, worin der Hauptzweifel besteht: Die historische Wissenschaft und das heutige Kunstschaffen, der heute heutig tanzende Tänzer und das heute mit heutigen Augen sehende Publikum, selbst die ...
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Klassik hat Konjunktur. Wo auch immer das Petersburger Mariinsky-Ensemble seine zaristischen Kronjuwelen präsentiert, läuft der Kartenverkauf auf Hochtouren. Steht dagegen eine Uraufführung an, kalkuliert die Ballettdirektion das Defizit schon mal vorab; Avantgardisten fristen ihr Dasein sowieso im Dauer-Prekariat.
Denn allein der Klassiker, also das ballet...
In der Universität der Toten reißt das Ballett der toten Frauen in Heiner Müllers «Hamletmaschine» dem Hamlet die Kleider vom Leib, und Ophelia tanzt einen Striptease. Hamlet tanzt mit Horatio. Der Hamletdarsteller legt Maske und Kostüm ab: «Ich bin nicht Hamlet.», (1977, Uraufführung 1979). Und kehrt 1998 wieder bei Jérôme Bel: «I am not Hamlet.» Der...
Meine beiden «Hoffnungsträger» waren beide Tänzer in Anne Teresa De Keersmaekers Kompanie Rosas. Beide verfolgen einen künstlerischen Weg, der sich auf die Erfahrung, Tänzer zu sein, konzentriert – mit allen Projektionen seitens des Publikums und der Choreografen, auf eine Handlung (das Tanzen), die eigentlich sehr persönlich, ja intim ist.
Vincent Dunoyer kreiert...
