Wisst ihr überhaupt, was Theater ist?
Tapsig sucht Hermann, ein Bär von einem Mann, sich dem Ballett mit ein paar Tanzschritten anzubiedern. Klar, dass das schiefgeht und der Sonderling von der hasenohrigen Petersburger Gesellschaft mit beißendem Spott übergossen wird.
Da dreht er durch: «Ihr seid wohl verrückt geworden, mit eurem ganzen Scheißgeld so eine bescheuerte Musik zu machen: ‹Die standhafte Schäferin›! Die musste Tschaikowsky doch nur komponieren, weil der Petersburger Intendant ihn dazu gezwungen hat, damit die Petersburger Opernärsche ihr Tableau bekamen! Wisst ihr überhaupt, was Theater ist?»
So bricht Peter Konwitschny in seiner Grazer Inszenierung von Tschaikowskys «Pique Dame» das Schäferspiel im dritten Bild, stülpt es um zur Publikumsbeschimpfung. Der hier eigentlich schimpft, ist nicht Hermann in Gestalt des russischen Tenors Avgust Amonov (den man darin ohnehin kaum versteht), sondern Konwitschny selbst. Um deutlich zu machen, dass diese Attacke nicht nur gegen die St. Petersburger Gesellschaft gerichtet ist, sondern auch gegen die Grazer Opern-Aficionados, wird das gesungene Russisch mit der deutschen Umgangssprache vertauscht; überdies gehen im Zuschauerraum die Lichter an. Es ist einer der ...
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Opernwelt Januar 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Gerhard Persché
Auf den ersten Blick ist Richard Strauss’ «Liebe der Danae» (1938-40) nicht zu retten: ein überladenes Kompilat verbrauchter musikalisch-dramatischer Formeln, in dem der greise Komponist sein eigenes Œuvre von «Salome» bis «Arabella» plagiiert – sentimental in der Überzuckerung seines eigenen Weltabschieds als Gott Jupiter und obendrein belastet durch ein...
Es war Gounods «Faust», mit der die Metropolitan Opera 1883 ihre Pforten öffnete. Ein Werk, das sich in New York sofort großer Beliebtheit erfreute. Spötter nannten die Met damals – zu einer Zeit, als Millionen Amerikaner noch Deutsch als Umgangssprache pflegten – scherzhaft das «Faustspielhaus». Bis in die 1950er-Jahre hinein sollte das Stück im Met-Repertoire...
Irgendwie sei die Story dann doch ein bisschen dünn, hat jemand handschriftlich im Gästebuch vermerkt, das im Foyer des Osnabrücker Theaters ausliegt. Aber die Aufführung, na ja, die reiße das Ganze schon raus. Das trifft den Kern des Problems – und zielt ebenso haarscharf an ihm vorbei. Operette und tiefschürfend? Man spielte «ein Werk der leichtgeschürzten Muse»,...
