Wahnsinn
Ihren größten Trumpf spart sich Joyce DiDonato ganz bis zum Schluss auf: Mit Dejaniras Wahnsinnszene «Where shall I fly» aus dem Oratorium «Hercules» schließt sie ihr erstes Solorecital bei Virgin ab.
Eine kluge Entscheidung, denn in dieser Partie ist die Amerikanerin tatsächlich konkurrenzlos: Dass die gattenmordende Königin nach ihrer eigenen Einschätzung der Höhepunkt ihrer Laufbahn ist (siehe OW-Interview 11/2008), hört man auch in dieser Studioaufnahme – selbst wenn die suggestiven Einfärbungen und Schärfungen hier um einige Grade milder ausfallen als im DVD-Mitschnitt von Luc Bondys Pariser Produktion mit William Christie am Pult. Gerade diese Ausnahmeleistung liegt freilich wie ein kleiner Schatten auf den übrigen Rollenporträts ihres Händel-Albums: Gegenüber der Dejanira fällt denn doch auf, dass die Trauer von Ariodantes «Scherza, infida» ein bisschen zu theatralisch aufgeplustert wird oder dass andere Sängerinnen für den Sesto aus «Giulio Cesare» zwar keine bessere Technik, aber doch ein passenderes, androgyneres Timbre mitbringen. Um aber Missverständnisse zu vermeiden: Händel liegt ihr prächtig in der Kehle, die Koloraturen sind nie bloßes Zierwerk, sondern mit expressiver Energie aufgeladen, und vom Fortissimo bis hin zu den fast gehauchten Tönen hat DiDonatos Mezzosopran eine fantastische Präsenz. Jede Arie auf diesem von Christophe Rousset und seinen Talens Lyriques sehr spielfreudig begleiteten Album ist großartig gesungen und mit einer emotionalen Direktheit aufgeladen, die die artifizielle Schattierungskunst von Vesselina Kasarovas jüngst erschienenem Händel-Album zum respektablen Sonderweg degradiert. Bei DiDonatos Opernfiguren weiß man eben sofort, woran man ist. Die Klarheit der barocken Affekte von Zorn und Trauer scheint ihrem eigenen Charakter zu entsprechen, und der Titel des Albums, «Furore», trifft tatsächlich den Kern der Sache. ...
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