Verschobene Perspektiven
Für das Booklet seiner neuen CD hat Philippe Jaroussky ein kontroverses Vorwort verfasst: Countertenöre, so argumentiert er darin, sängen meist Musik, die eigentlich für Kastraten verfasst worden sei. Deren Stimmen aber hätten ganz anders geklungen – weshalb sollten seine Fachkollegen und er selbst sich also nicht auch in anderes Repertoire vorwagen dürfen, zu dem sie sich persönlich hingezogen fühlten? Diese Suggestivfrage beantwortet der Franzose mit «Opium»: Ähnlich wie die ausgezeichnete CD mit baskischen Liedern des 19. und 20.
Jahrhunderts, die Carlos Mena vor einem Jahr veröffentlichte, ist auch Jarousskys Streifzug durch das französische Liedgut ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass Countertenöre dem romantischen Repertoire einen eigenen künstlerischen Stempel aufdrücken können.
Das sängerknabenhafte Timbre von Jarousskys hohem Mezzosopran verschiebt die Erzählperspektive dieser Miniaturen: Nicht das persönliche Nacherleben der Gefühle steht im Vordergrund, sondern die poetische Reflexion des hellwachen Beobachters. Das funktioniert natürlich dann am besten, wenn die Stücke nicht auf Dramatik, sondern auf kontemplativen atmosphärischen Reiz zielen: In Liedern wie Reynaldo ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Manchmal sind Inhaltsangaben im Programmheft unverzichtbar. Wie im Fall des Freiburger «Simon Boccanegra». Und manchmal stiften sie nur Verwirrung. Wie im Fall des Freiburger «Simon Boccanegra». Beides ist auf die Inszenierung von Marcus Lobbes zurückzuführen, der mit seiner Variante von Kagels «Der mündliche Verrat» zum Freiburger Spielzeitauftakt die Rituale des...
«Verantwortungslose Heiterkeit, die in diesem Wirrsal ein Bild unserer realen Verkehrtheiten ahnen lässt», ist nach Karl Kraus das Wesen der Operette. Das gilt auch für Witold Gombrowicz’ 1966 entstandenes Schauspiel «Operette», ein grotesk-surrealistisches Pandämonium über die Achterbahnfahrt des 20. Jahrhunderts zwischen Klassenkampf und Faschismus, zugleich aber...
Das eigene Sterben, den eigenen Tod öffentlich auszustellen, war lange ein Tabu. Inzwischen ist die (Selbst-)Darstellung des Lebensendes sogar auf dem Boulevard anzutreffen: Über Monate beherrschte in Großbritannien eine junge Frau namens Jade Goody die Medien, die durch eine britische «Big Brother»-Staffel zu zweifelhafter Bekanntheit gekommen war und nach einer...
