Väter und Söhne
Tamerlano» (1724) wird von Händel-Kennern wegen seiner harmonischen Kühnheit und der atemberaubenden Selbstmordszene des türkischen Sultans Bajazet, eine der raren großen Tenor-Partien der Opera seria, geschätzt, vom Publikum aber eher als spröde gefürchtet. Mit diesem Eindruck macht Riccardo Minasi jetzt Schluss. Seine Tempi zielen nicht auf vordergründigen Drive, sie sind extrem flexibel und regen dazu an, genauer hinzuhören. Fast jede Arie wird im Zusammenspiel mit ausgefeilter Dynamik zu einem Charakterstück.
Kostbare Höhepunkte werden durch agogische Rückungen ausgekostet, Nebenstimmen zum «Sprechen» gebracht. Zudem verfolgt Minasi die Strategie, Rhythmus und Dynamik (!) französisch zu punktieren, was den Rezitativen ein enorm lebendiges, rhetorisch «überreden» wollendes, flüssiges Pathos verleiht, den Arien einen aparten Swing und in den gebundenen Tönen eine atmend-irreguläre Oberfläche. Auch die exuberanten Variationen und Verzierungen bei Sängern wie beim vokal phrasierenden Orchester (!), das nicht nur begleitet, sondern «mitredet», sind ungewöhnlich erdacht, reich und fantasievoll, ohne je übers Ziel hinauszuschießen. Mit alldem schert Minasi aus der Händel-Routine aus ...
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Opernwelt Juli 2014
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 26
von Boris Kehrmann
Die Neuinszenierung von Frank Hilbrich bestätigt es: Die scheinbar leichte, heute etwas bemüht-brillant wirkende «Jazz-Oper» von 1927 ist nicht leicht zu realisieren. Mit ihr huldigte der blutjunge Avantgardist Ernst Krenek dem Zeitgeist der Goldenen Zwanziger – der Wagnerismus, dem noch Strauss und Schreker mit ihren lyrischen Musikdramen beseelt gefolgt waren,...
Hasst der Regisseur die Musik? Hadert er mit diesem Zwitterstück, das weder Oper noch Oratorium ist? Das Hector Berlioz als légende dramatique bezeichnete, das 1846 konzertant uraufgeführt, aber erst 1893, fast ein Vierteljahrhundert nach dem Tod des Komponisten, an der Pariser Opéra comique in Szene gesetzt wurde? Man könnte das meinen, wenn man sieht, wie der...
Adriana Hölszky zählt heute zu den innovativsten, profiliertesten Komponistinnen der Gegenwart – umso mehr, als sie sich, anders als so manche prominenten Zeitgenossen, nicht vom Projekt der Moderne verabschiedet hat. Aus Anlass ihres 60. Geburtstags sind 2013 zwei Veröffentlichungen erschienen, die Annäherungen an die gleichermaßen komplexen wie weitverzweigten...
