Unfassbar
Vor dem Sommer sind wir noch gemeinsam in die Vorproben der Neuproduktion «Fidelio» eingestiegen. Das Ensemble saß um Berts Bühnenbildmodell geschart. Einer von uns erklärte, es werde nicht darum gehen, ein spezifisches politisches System abzubilden, sondern zu untersuchen, wie sich ein auf Überwachung gestütztes System, wie wir es aus Diktaturen kennen, in die Sprache und Körper der in ihm lebenden Menschen einschreibt.
Bert unterbrach mit der lakonischen Bemerkung: «Nicht nur in Diktaturen!» Ein Gedanke, der ihn sehr beschäftigte, war, dass in Beethovens Oper die solistischen Protagonisten, die Gefangenenwärter, viel gefangener sind als die eigentlichen Häftlinge, welche nämlich − anders als sie − in der Lage sind, ihre Unfreiheit zu durchschauen und zu benennen. In den folgenden beiden ersten Probenwochen offenbarte sich uns einmal mehr Berts Kunst, einen komplexen Weltzusammenhang auf den einfachsten, schlagendsten bildnerischen Nenner zu bringen. In seinem «Fidelio»-Raum geht eine archaisch anmutende Provinzialität mit einem Science Fiction-Szenario digitaler Überwachung eine beunruhigende Verbindung ein.
Was hat ihn, der die Bühnen-, Zuschauer- und Bildräume des Schauspiels ...
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Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Magazin, Seite 102
von Sergio Morabito, Jossi Wieler
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