Unaussprechliches Heim
Das Libretto von Morton Feldmans Oper «Neither» hat auf einer Postkarte Platz – der Postkarte, die der Dichter Samuel Beckett dem amerikanischen Komponisten auf dessen Wunsch 1976 von Berlin nach Buffalo schickte, um genau zu sein.
87 Wörter evozieren das vage Bild eines Menschen, der umherirrt zwischen zwei «erleuchteten Zufluchten», deren Türen sich jeweils schließen, wenn er näherkommt, sich öffnen, wenn er weggeht; am Schluss verheißt ein drittes, schwaches, aber beständiges Licht ein «unaussprechliches Heim» – den Tod?
Feldman zerlegt diese Vorlage bis zur Unverständlichkeit und lässt sie, angereichert mit vielen Vokalisen, von einer Sopranistin singen, deren Stimme in extreme Höhen dringt. Das groß besetzte Orchester setzt er vorwiegend in Klangblöcken ein; es spielt einfache Patterns, die sich in klangsinnlich ausgehörten Variationen wiederholen und so eine große Kreisbewegung schaffen. Es gibt keine Regieanweisungen, weder Handlung, noch Figuren. Das singende Subjekt, der Angelpunkt traditioneller Operndramaturgie, hat sich aufgelöst; einzig seine Stimme ist zu hören.
Das Konzert Theater Bern hat sich an das radikale Werk gewagt und gastiert damit erstmals in einem Zentrum ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2013
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Alfred Ziltener
Eine Halle von der Größe zweier Fußballfelder. Meterhohe, düstere Eisenkolosse, die aus dem Boden ragen wie halb eingegrabene Monster. Riesige Räder, Kessel, Rohre. Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass in der Völklinger Hütte zuletzt der Stahl floss. Aber es riecht immer noch nach Maschinenöl, stickig, nach Rauch.
Das zwanzig Kilometer Luftlinie entfernte...
Luigi Cherubinis 1791 am Pariser Théâtre Feydeau, der Hochburg der Royalisten, mit sensationellem Erfolg uraufgeführte Rettungsoper «Lodoïska» schwankt zwischen empfindsamer Melodik und hektischem Streichergestichel. Die staccato-Orkane wollen die Gewalt wilder Emotionen und krasser Situationen so nackt wie möglich in die Ohren peitschen. Kein Wunder, dass...
Der Mensch ist zum Unglücklichsein verdammt in seinem Streben nach Glück. Er sucht nach Wahrheit und findet: nichts. Er sehnt sich nach Erfüllung und landet im: Nichts. Finster ist die Handlung von Ingvar Lidholms Oper «Ein Traumspiel», noch finsterer als seine literarische Vorlage, August Strindbergs gleichnamiges Drama.
Doch er hat eine Botschaft, dieser...
