Über allen Gipfeln keine Ruh'
Dort, wo sich viele «Tristan»-Aufführungen szenisch ziehen, im dritten Akt beim großen Fiebermonolog des Titel-Antihelden, wird es diesmal spannend. Wir erleben nicht nur einen Tenor, der mit seiner Partie ringt, sondern sehen – in diffuses Rot getaucht – Tristan als Kind. In einer Mischung aus Uterus und Dante’schem Fegefeuer wird schlagartig das Trauma dieser Vollwaise deutlich. Plötzlich wirken eingeblendete Naturbilder von schwarzen, engstehenden Baumstämmen plausibel, verkehrt sich die Außen- in eine Innenperspektive, verschwimmen die Zeitebenen.
Tristans Angst wird als Todessehnsucht regelrecht sichtbar. Dieser Mensch, der die Wunden seiner Kindheit in sich trägt, kann gar nicht anders, als sich mit allem, was er tut, gegen sich selbst zu richten. Endlich – es ist ja spät am Abend – finden die aus Videos, gebauten Räumen und Licht zusammenkomponierten Szenenbilder im Baden-Badener Festspielhaus zu einer schlüssigen Grammatik. Für ein paar Minuten bekommen der polnische Regisseur Mariusz Trelinski und sein Team das Stück in den Griff.
Zwei Akte lang hatten sie versucht, «Tristan und Isolde» auf die Realität eines Kriegsschiffes herunterzubrechen und der von Wagner ...
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Opernwelt Mai 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Stephan Mösch
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An den Anfang seiner Inszenierung von «Boris Godunow» stellt Richard Jones ein Bild so licht und unschuldig wie aus einem Kinderbuch. Der Vorhang zeigt eine Kinderhand beim Griff nach einem Kreisel. Als dann im Saal die Lichter ausgehen, wird Miriam Buethers klaustrophobisches Bühnenbild enthüllt: Wände schwarz wie Reifengummi, mit der Zarenglocke als Relief. Auf...
Ist Karl Marx nicht mausetot? Die Sowjetunion – gescheitert. Maos China – Geschichte. Das Kambodscha der Roten Khmer – wo war das noch mal? Die Antwort kommt aus dem Publikum, das der Vorstellung hellwach folgt. Gleich am Anfang wird es von der Bühne aus einbezogen: «La-la-la-la», singt der Saal, und «Eins, tswej, draj, fir!» wird daraus der «Arbetlosen Marsch» des...
