Tiefenbohrung
Sehnsucht nach neuem Musiktheater – das ist in Moskau nichts Neues. Doch auf eine so produktive Spielzeit wie die letzte hat die Stadt lange warten müssen. Jetzt wurden die hochgespannten Erwartungen sogar übertroffen. Zumal die Uraufführungen wirkten wie Kampfansagen der zeitgenössischen Oper an die verhängnisvolle politische Entwicklung Russlands: eines Staates, in dem Krieg und Korruption zu einer Art normalem, kaum mehr in Frage gestellten Background geworden sind. Wir sprechen freilich nicht von direkten Interventionen, sondern von Kritik mit ästhetischen Mitteln.
Zu den wagemutigen Instituten gehört das Kammermusiktheater Boris Pokrowski, das gleich zwei neue Werke herausbrachte. Alexander Manozkows «Titij Bezuprecnyj» («Der unbescholtene Titus») beruht auf dem gleichnamigen Stück von Maxim Kurotschkin (2008), einer Paraphrase auf Shakespeares «Titus Andronicus». Das Thema: die Mechanismen des totalitären Staats. Das Libretto schrieb der Schauspielregisseur Wladimir Mirsojew, die durchdachte, hermetische Partitur verknüpft Schönbergs Zwölftonmusik, indische Raga-Akkorde, an Weill erinnernde Motive und Barock-Reminiszenzen. Musikalisch hebt diese «kosmische Oper» herrlich ab – ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Magazin, Seite 98
von Alexei Parin
Spricht man von Nordamerika, so meint man nicht selten fast reflexhaft die Vereinigten Staaten, denkt aber kaum an das flächenmäßig vergleichbare Kanada, das, anglophon und frankophon, zum Commonwealth gehört. Immer noch ziert die Queen die Geldscheine – und das Wort «Royal» manche Institution. Entsprechend sind die Beziehungen zwischen US-Amerikanern und Kanadiern...
Nicht einmal zweieinhalb Minuten toben die Naturgewalten. Tastendonner aus Subkontra-Zonen. Gespenstisch, gewitterdunkel weht es von Streichern. Schlagwerk und Gitarre heizen die Atmosphäre auf. Bald erreichen die Klangböen Orkanstärke. Es prasselt, rauscht, dröhnt und faucht, als riefe der Herrgott zum Jüngsten Gericht. Dann drehen die rasenden Kräfte ab, so...
Konzertante» Aufführungen von Opern hat es immer gegeben: zunächst vor allem im privaten Rahmen wie noch bei der einzigen Wiener Aufführung des «Idomeneo» zu Mozarts Lebzeiten. Oder im Umgang mit avantgardistischen Werken wie 1874 bei der ersten Wiener (Teil-)Aufführung von Wagners «Die Walküre» mit zwei Klavieren. Ähnlich, als sich das offizielle Paris verweigerte...
