Tanz ums Gold
Dass der zeitgenössische Kunstmarkt eine Finanzblase für hysterische Spekulanten sei, gehört fast schon zu den Allgemeinplätzen. Die einen bringen dort Haie in Formaldehyd oder diamantbesetzte Totenköpfe für Millionen an den Sammler, die anderen anscheinend kleine leuchtende Würfel. Cardillac heißt der Künstler, der diese Würfel am Salzburger Landestheater unter dem Markenzeichen eines großen goldenen C bevorzugt von Engeln mit schwarzen Flügeln darbieten lässt.
Dass die Käufer danach des Nachts ihrem eigenen Todesengel in Gestalt des Künstlers begegnen, gehört für Amélie Niermeyer zu seiner Marketingstrategie. Durch die Lust am blutigen Skandal werde diese noch angeheizt, schreibt die Regisseurin im Programmheft.
Das ist eine unmittelbar einleuchtende Idee für eine Inszenierung von Paul Hindemiths «Cardillac», den das Salzburger Landestheater wie üblich in der ersten Fassung von 1926 zeigt. Umso verblüffender, dass das Team auf Dauer zu wenige konkrete Bilder für sein Thema entwickelt oder diese seltsam windschief bleiben. Es mag noch der Offenheit zeitgenössischer Kunstdiskurse zuzurechnen sein, dass der Werkbegriff unter dem goldenen C unklar bleibt. Zu Beginn scheint Cardillac ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2018
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Michael Stallknecht
Es ist anzunehmen, dass Rolando Villazón Goethes «Zauberlehrling» kennt, schließlich ist er ein kluger Mann. Somit dürfte ihm auch jener Satz vertraut sein, mit dem der traurige Titelheld das Unheil in nässenden Gang setzt: «Und nun komm, du alter Besen! / Nimm die schlechten Lumpenhüllen; bist schon lange Knecht gewesen: Nun erfülle meinen Willen!» Mit ein...
Gerade 40 Jahre sind es her, dass Jean-Pierre Ponnelle und Nikolaus Harnoncourt am Opernhaus Zürich ihren Monteverdi-Zyklus zeigten und die drei überlieferten Opern endgültig für das Repertoire zurückgewannen – opulente Inszenierungen der Sinnenfreude, bei denen die barocke Schaulust allerdings oft nicht von der schicken Schaufensterdekoration zu unterscheiden war....
In der Gewohnheit ruhe das Behagen, fand Goethe. Damiano Michieletto kann dem Dichterfürsten in dieser Hinsicht wohl wenig abgewinnen; seine Inszenierungen suchen das Andere, Ungewohnte. So ließ er Puccinis «La Bohème» bei den Salzburger Festspielen teilweise in einem vermüllten Matratzenlager spielen, verortete Verdis «Falstaff» an gleichem Orte in der Mailänder...
