Späte Liebe
Als «new love affair» bezeichnet Anne Sofie von Otter im Beiheft ihr Interesse für die französische Barockoper. Eine ziemlich späte Liebe der 54-Jährigen, die jedoch insoweit verständlich wird, als die beiden zentralen Rollen ihrer neuen CD durchaus glaubwürdig auch von einer reiferen Stimme dargestellt werden können. Marc-Antoine Charpentiers Medea und mehr noch die Phaedra in Rameaus «Hippolyte et Aricie» sind Frauen mit Erfahrung, die das Glück nur noch aus der Erinnerung kennen.
In William Christies Gesamtaufnahmen beider Werke hatte die verstorbene amerikanische Mezzosopranistin Lorraine Hunt die Abgründe dieser beiden Heroinen ausgeleuchtet und etwa in der zentralen «Medea»-Szene des dritten Aktes das gesamte Spektrum von Enttäuschung, Einsamkeit, Hass und Verzweiflung zu einem faszinierenden Rollenporträt verschmolzen.
Eine vergleichbare Intensität erreicht von Otter nicht, vor allem weil ihr die emotionale Wärme fehlt: Ist Hunts Medea selbst in ihren furios hingeschleuderten Beschwörungen eine zutiefst verletzte Frau, bleibt Otter eine Theaterfigur, die den Mangel an Farben und unüberhörbare vokale Verschleißerscheinungen durch outrierte Deklamation zu kompensieren versucht. ...
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