Schwer zu ertragen

Mozart: Die Zauberflöte
Brüssel | La Monnaie

Opernwelt - Logo

Vorn ist einer laut schnarchend eingeschlafen, rechts drängen sich Empörte aus dem Saal, links fließen stille Tränen. Flüstern überall: Das Publikum weiß nach der Pause nicht, wohin mit sich in Romeo Castelluccis «Zauberflöte» an der Brüsseler Münze.

Doch der Reihe nach. Zunächst knöpft der Regisseur sich den Wunsch nach einem Mozart’schen Märchen vor, indem er – «Klinget, Glöckchen, klinget» – die Bühne als pittoreske Porzellanspieluhr anlegt. Alles ist betäubend weiß: die Schnurvorhänge an den Seiten, hinten das Stuckornament, alle Röcke, Roben, Locken.

Auf Drehtellern kreisen Sänger und Tänzer in anmutig choreografierter Symmetrie, auch wenn das bedeutet, dass zwei Taminos, zwei Papagenos etc. antreten müssen – einer singend, einer stumm.

In all der Pracht könnten einem die kalkulierten Störungen zunächst fast entgehen: die Schatten, die die elegante Stuckatur flüchtig in die Röntgenansicht weiblicher Beckenknochen verwandeln. Die erstickende Verdichtung von Federbuschwolken und Gipskurven. Schließlich lässt sich nicht mehr leugnen: Die blütenweiße Puderperücken-Utopie ist wahrlich keine Sauberwelt. Immer deutlicher vergiften sexistische und rassistische Strukturen die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2018
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Wiebke Roloff Halsey

Weitere Beiträge
Vom Graumarkt aufs Silbertablett

Ein Gipfeltreffen der besonderen Art: Birgit Nilsson und Leonard Bernstein in ihrer einzigen gemeinsamen Aufnahme. «Fidelio», konzertant in Rom 1970. Dabei war das Ganze eigentlich nur eine Art Generalprobe. Bernstein hatte «Fidelio» bei den Wiener Festwochen des Beethoven-Jahres 1970 zugesagt, aber noch nicht dirigiert. Debüts in prominentem Rahmen waren damals...

Der Mythos lebt

Der 11. Mai 1946 ist in den Annalen der Mailänder Scala ein in dreifacher Hinsicht bemerkenswertes historisches Datum: Das im Krieg schwer zerstörte Theater wurde nach dem Wiederaufbau neu eröffnet, Arturo Toscanini, Italiens größter Dirigent und eine Symbolfigur des Antifaschismus, kehrte nach langer Abwesenheit an die Stätte seines früheren Wirkens zurück, und...

Avantgarde und Rock 'n' Roll

Das Miller Theater an der Columbia University in Manhattan – es war Schauplatz mehrerer wichtiger Uraufführungen (u. a. von Gian Carlo Menottis Zweiakter «The Medium») – feiert in diesem Jahr die Eröffnung seiner neuen Spielstätte vor 30 Jahren. Seit jeher stehen dort Werke des Barock und unserer Zeit im Zentrum des Programms. Nun präsentierte das Theater zum...