Schwanengesänge, schwindelerregend
Lulu, die Schlange, das süße Tier, die Urgestalt des Weibes, wie sie der Tierbändiger im Prolog von Bergs Oper nennt – ist dieses von jeglicher Ratio und sozialer Verantwortung befreite Wesen aus vier Buchstaben überhaupt ein Mensch? Oder ist sie eher eine literarische Konstruktion, ein abstraktes Symbol aller männlichen Ängste vor dem Unkontrollierbaren, kondensierte Tiefenpsychologie, dominiert vom Kastrationskomplex mit all seinen tragischen und komischen Seiten?
Krzysztof Warlikowski, der Regisseur von Bergs unvollendetem Vermächtnis am Brüsseler Opernhaus, hat sich sol
che Gedanken zusammen mit seinem Dramaturgen Christian Longchamp reichlich gemacht – so reichlich, dass diese «Lulu» bildmächtig wie selten, zuweilen auch überladen wirkt. Aber alle Verrätselungen und gedanklichen Verknotungen zerplatzen, wenn Barbara Hannigan in der Titelrolle die Bühne entert und sie in den kommenden vier Stunden (man spielt die dreiaktige Fassung in Friedrich Cerhas Rekonstruktion) zu ihrem ganz persönlichen Schlachtplatz macht. Denn diese Lulu verströmt keinen Charme, ja nicht einmal Erotik, obwohl sie meist mit perfektem Astralleib und wenig mehr als knappen Dessous auftritt. Hannigan/Lulu ...
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Opernwelt Dezember 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Michael Struck-Schloen
«Wie kann Babylon klingen?», hatte der Komponist Jörg Widmann sich selbst im Gespräch gefragt, mit einem Schuss Vorfreude und etwas Beklommenheit. Gemeint waren: die irrealen Klangbilder der mythischen Stadt zwischen Euphrat und Tigris zum einen, die realen Klänge der eigenen Oper zum andern. Lauter Rätselklänge? Schwierig und herausfordernd genug deren Entstehung:...
In Nancy gibt es im Museum, gleich gegenüber der Oper an der barocken Place Stanislas, ein Bild des von Apoll lorbeergekrönten Kastraten Marc’Antonio Pasqualini (1614-1691), der in Rom mit Kardinal Antonio Barberini ein Verhältnis hatte. So weisen die pikanten römischen Zustände der Barockoper bis ins Heute. Und in der Opéra de Lorraine werden jene immer noch...
Der Plan war ehrgeizig, und alle Beteiligten haben ihn ernst genommen. Trotzdem konnte er nicht funktionieren. Immerhin: Das Scheitern ist legendär. Jetzt lässt sich genauer als je zuvor nachverfolgen, was im Januar 1966 in einem überheizten Aufnahmestudio in New York passiert ist. An drei Tagen sollten Elisabeth Schwarzkopf und Glenn Gould Lieder von Richard...
