Schlechtes Timing

Vilnius | Tschaikowsky: Eugen Onegin

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Eine ordentliche Landschaft aus Holzplanken, zeitlich im Großraum «historisch» situiert. Links steht eine Hütte, rechts deutet ein Boot ein Gewässer an. Eine Rampe zieht sich quer durch den Bühnenhintergrund, den Hang hinab fällt ein messianisches Licht – von hier muss Onegin kommen. Der erweist sich freilich nicht als Messias, nicht einmal als strahlender Galan, sondern als Durchschnittsmensch im braven Pullunder. In dem erstickenden Haushalt der Larina erscheint noch die geringste Abwechslung als Gelegenheit zur Flucht.

Anders lässt sich schwer nachvollziehen, wie dieser Onegin Tatjana derart aus der Fassung bringen kann. Hätte er sie wohl auch zurückgewiesen, wenn er gewusst hätte, dass sie zu spontanen nächtlichen Flussbädern und Herumtollen auf der Rampe fähig ist, nasses Nachthemd im Vollmondschein inklusive?

Doch er weiß von solchen Eskapaden nichts, nestelt peinlich berührt an Tatjanas Liebesbrief, ohne sein Zutun zum Ideal geworden, zum Liebesobjekt. So weit entspricht das einer gängigen Interpretationslinie. Doch diese Inszenierung geht noch weiter: Onegin ist nicht schuld, an nichts, nie. Auch für das Duell kann man ihn nicht verantwortlich machen. Olga benutzt ihn, um ...

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Opernwelt Juli 2012
Rubrik: Panorama, Seite 55
von Wiebke Roloff

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