Scham und Schande
Ein Klang zerschneidet die Stille der Nacht. Reißt ein Loch in die Welt des Traumes, aus dem die junge Mutter gerade in diesem Augenblick wie trunken ans dämmrige Licht taumelt, orientierungslos, einsam verloren. Niemand da, der ihr helfen, sie stützen könnte, nur diese Solo-Violine, die in der höchsten Lage schmerzensreiche Töne von sich gibt und die Erinnerung an jenes Stück in uns wachruft, das sein Schöpfer dem Andenken eines Engels widmete. Es ist nicht die einzige Parallele.
Denn wie Alban Bergs Violinkonzert, so steht auch dieser sehrende Gesang im zweiten Akt von Leoš Janáčeks «Jenůfa» im direkten Zusammenhang mit dem Tod eines Kindes.
Und wie trostlos ist überhaupt diese ganze Existenz! In einem Verschlag unterhalb der Küchenspüle eines stillgelegten Wohnwagens, dessen Vorhänge seit Wochen schon verschlossen sind, hat Jenůfa für sich und ihren kleinen, kurz zuvor geborenen Stewa ein Lager eingerichtet, inmitten von Gasflaschen, Kabeln, Kisten und Kissen. Die Geburt hat sie sichtlich mitgenommen. Der Gang ist schwer, die Müdigkeit gewaltig, jedwede Jugendfrische dahin. Und Hoffnung nirgends in Sicht. Das Leben: ein verpfuschter Versuch.
Anrührend, wie Annette Dasch ...
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Opernwelt Dezember 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jürgen Otten
Wenn sich der Vorhang öffnet, gibt die Szene den Blick frei auf eine mit Toten übersäte, unablässig kreisende Drehbühne. Von oben senkt sich ein blecherner Lautsprecher herab, aus dem die Schlussansprache aus Charlie Chaplins Film «Der große Diktator» ertönt. Der flammende Aufruf für Frieden und Freiheit ist ein gleichsam vorauseilender Kommentar zu dem, was uns in...
Mit diesem Werk wagte Suppé 1885 noch einmal den Sprung zurück ins Operngenre und zugleich in seine dalmatinische Heimat. «Il Ritorno del Marinaio» spielt auf der Insel Hvar, damals Lisina, und es lag bestimmt am lokalen Kolorit, dass der im Spoleto genannten Split geborene und dort aufgewachsene Operettenfürst nach diesem Stoff griff. Am Libretto jedenfalls lag...
Ein Tisch ist ein Tisch ist ein Tisch? Nun ja, manchmal ist ein Tisch nicht mehr als ein bemühtes Requisit, hier aber ist er ein Füllhorn an Geschichte(n). An diesem Tisch (graues Resopal) haben sich Tragödien ereignet, individuelle, familiäre, gesellschaftliche; Tragödien, die stets am Rande der Groteske wohnen und doch tief ins Innere der Protagonisten blicken...
