Risse im Kokon
Ein «Siegfried» in brutto viereinhalb Stunden, das ist rekordverdächtig – und am Teatro Massimo in Palermo sowohl Ärgernis als auch Grund zur Freude. Ein Ärgernis deshalb, weil Pausen von nur zweimal zwanzig Minuten einen Wagner-Abend nicht kürzer, sondern länger wirken lassen. Dass so etwas kein nebensächliches organisatorisches Detail ist, belegt die eher kühle Reaktion des italienischen Publikums am Ende der besuchten Vorstellung.
Den Grund zur Freude liefert das Dirigat von Stefan Anton Reck, der den dritten Teil des «Ring» in raschen Tempi angeht.
Der ehemalige (von 1999 bis 2003) Musikchef des Hauses entfacht von Beginn an theatralen Feueratem, ohne zu überhasten oder die Sänger zuzudecken. Im Gegenteil: An seiner Deutung erstaunt gerade, wie sehr sie sich neben dem Sinn für das Dramatische auch den Sinn für das Poetische des Stücks bewahrt. Lyrik und Rhetorik, Klang und Struktur erscheinen hier nicht – wie so oft – als unvereinbare Gegensätze. Reck entwickelt mit dem souverän agierenden Hausorchester eine atmosphärisch genau abschattierte Erzählung, die sich von der dunklen Verlorenheit des ersten Akts über das sanft einfallende Licht des zweiten bis zur surrealen ...
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Opernwelt Februar 2016
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Michael Stallknecht
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