Raster der Welt
Dass Großbritannien ein Paradies für Exzentriker jedweder Couleur sei, ist keineswegs bloß ein wohlfeiles Klischee. Wohl in keinem zweiten Land der Alten Welt werden private Marotten, bizarre Gebräuche und Umständlichkeiten im öffentlichen Leben mit einer so weitherzigen, selbstverständlichen Toleranz bedacht (und zum Gegenstand eines erfrischend selbstironischen Humors) wie im Vereinigten Königreich. Doch eine Eigenart dürften die Untertanen der Queen kaum als lässliche Schrulle durchgehen lassen – germanophile Neigungen.
Deutsche Kultur und Lebensart stehen, zumal nach den Erfahrungen der Weltkriege, nach wie vor unter Generalverdacht, zumindest hinter vorgehaltener Hand: Wer weiß schon, wann die Teutonen das nächste Mal durchknallen.
Um so erstaunlicher wirkt das enthusiastische Interesse, das man auf der Insel ausgerechnet einer Symbolfigur deutscher Leitkultur wie Richard Wagner entgegenbringt. Nicht nur, dass sich das Virus seiner buchstäblich sagenhaften Opern lange vor den Katastrophen des 20. Jahrhunderts auf der anderen Seite des Kanals ausgebreitet hatte – was nicht zuletzt die berühmten Wagner-Texte George Bernard Shaws bezeugen. Gut hundert Jahre später scheint die ...
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«Tristan» ist in Italien, neben dem üblichen Verdi-Donizetti-Bellini-Rossini-Repertoire, ein eher selten gespieltes Werk. In Neapel war er zuletzt 1973 zu hören – Operngänger unter fünfzig, die nicht reisen, hatten ihn also noch nie auf der Bühne gesehen. Aber selbst Heuler wie «Traviata», «Aida» oder der «Barbier von Sevilla» müssen, bei höchstens drei oder vier...
Seit dem Wiederaufbau des abgebrannten Hauses (1999) sucht das Gran Teatre del Liceu in Barcelona wieder in der Ersten Liga der internationalen Opernhäuser mitzuspielen. Einige jetzt auf DVD veröffentlichte Aufführungen sind da durchaus Erfolg versprechend, auch wenn es sich zumeist um eingekaufte Produktionen handelt.
Rossinis Krönungsoper «Il viaggio a Reims»,...
Mit der 1928 in Wien herausgebrachten «Herzogin von Chicago» lag Emmerich Kálmán im Trend. Die klassische europäische Operette war klapprig geworden, kein Wunder nach den vielen Champagnerexzessen. Der jüngere Vetter aus Amerika, das Musical, drohte sie über den Haufen zu rennen. Da kam eine Frischzellenkur wie dieser in Gesang und Tanz ausgetragene «Kulturkampf»...
