Passionsspiel
Und immer wieder, überraschend wie das Fingerschnippen des Hypnotiseurs, dieser Akkord in strahlendem C-Dur, pures in Musik gegossenes Weißgold: In wenigen Takten am Ende seines «Król Roger» widerruft Karol Szymanowski den «Tristan»-Schluss, der ursprünglich wohl geplant gewesen war: Nicht Vergehen in unbewusst höchster Lust, sondern Reifung durch Erkenntnis und Eingeständnis. Dies, nachdem der Titelheld davor zwischen politischer Realität, Konventionen (die Ehe mit Roxane) und zunächst uneingestandenem homoerotischem Trieb changierte.
Er habe in der aufgehenden Sonne «zu sich selbst gefunden», vermerkt das Programmheft der Grazer Aufführung. Ein in Musik gefasstes Coming-out?
Die Bekenntnis-Perspektive dieses lange übersehenen, doch in letzter Zeit wieder häufiger gespielten Werks ist ja kaum maskiert: Szymanowski suchte sein eigenes Schwulsein künstlerisch zu sublimieren. Er formte «Król Roger» grosso modo nach den «Bakchen» des Euripides, wo ebenfalls Verantwortungsbewusstsein (Pentheus) und Verführung (Dionysos) aufeinanderprallen – speziell in der Kernszene, da Thebens Herrscher sich vom Gott des Triebes als Frau verkleiden lässt. Ihr ist in «Król Roger» die große ...
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Opernwelt April 2019
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Gerhard Persché
Keine Menschenseele war zu sehen, damals, am Krasny-Prospekt, nachts um halb eins. Wäre auch Irrsinn gewesen, bei atemraubenden minus 35 Grad Celsius. Dann doch lieber das Gegenteil: gefühlte 35 Grad plus, wie sie im Innern des prächtigen, völlig überheizten Opernhauses von Novosibirsk herrschten, wo ohnehin die bessere Sause lief: Sektkorken knallten, Wodka wurde...
Der Blaubart-Stoff fasziniert seit der Erzählung Charles Perraults von 1697; in Oper, Film und Literatur hat er vielerlei Gestalten angenommen. Nicht immer ist das Schicksal der zahlenmäßig variierenden Frauen so aussichtslos wie das Judiths in «Herzog Blaubarts Burg» von Béla Bartók. Beherzte Mädchen, die sich retten konnten, gab es bisher mehrfach; die lustvolle...
Seit fünf Jahren hatte er nicht mehr vor einem Orchester gestanden, sich in sein Haus am Mondsee im Salzkammergut zurückgezogen. Als er spürte, dass Körper und Geist nicht länger den rigorosen Ansprüchen genügten, die er an sich und andere stellte, trat er aus dem Rampenlicht, das er eigentlich nie gesucht, eher als unvermeidliche Begleiterscheinung des Berufs...
