Passion der Klarheit
Ein Rest von Geheimnis muss bleiben. Fragen irren auch am dunkelhellen Ende mit dem seltsamen Sieg der Ariane über den Frauenpeiniger Blaubart weiter unbeantwortet in diesem märchenverschwommenen Raum umher. Wäre es anders, stammte die Textvorlage nicht von Maurice Maeterlinck – und die Musik nicht von Paul Dukas. Die Brille des nach psychologischer Plausibilität forschenden Theaters führt hier nur bedingt zu gesteigerter Durchsicht.
Deswegen darf es genial genannt werden, wie Stefano Poda in seiner Inszenierung am Théâtre du Capitole eine Lichtstudie über die Schattierungen der Farbe Weiß wagt. Milchig hinter Gaze verschleiert ist der Beginn, so dass der Blick auf die einzige schwarz gewandete Gestalt, die an der Rückwand kauert, zunächst keineswegs deren Identität enthüllt. Ist es der Herr im Haus, der Mann mit den lebenden weiblichen Leichen im Keller? Die wuchtige Figur entpuppt sich indes als Arianes Amme, der Janina Baechle die hintergründige Urgewalt einer Erda leiht. Dann erst ist der große Bühnenbildwurf langsam zu erkennen, den Poda als veritabler Gesamtkunstwerker ersonnen hat. Er versinnbildlicht die Gefangenschaft von Blaubarts fünf Frauen mit einer gewagten Verbindung ...
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Opernwelt Juni 2019
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Peter Krause
Wenn in der Ouvertüre zum ersten Mal der von drei dumpfen Paukenschlägen untermalte verminderte c-Moll-Septakkord erklingt, huscht über den noch geschlossenen Vorhang der schwarze Schatten eines Flugobjekts, das man nicht erwartet – eine Drohne. In Jossi Wielers Straßburger Inszenierung, einer Koproduktion mit La Monnaie in Brüssel und dem Staatstheater Nürnberg,...
Bei Wagners «Tristan und Isolde» entscheidet sich alles im Vorspiel. Schon die ersten vier Takte sind schicksalhaft – für die folgende «Handlung» im Allgemeinen wie für die Qualität jeder einzelnen Aufführung im Besonderen. Die in den Celli sich aufwärtsschwingende Sexte ist wohl das gefährlichste Entrée der Operngeschichte.
Alain Altinoglu weiß das. Zwar...
Es sei barbarisch, nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben, dozierte einst Theodor W. Adorno. Westdeutsche Intellektuelle haben diesen Satz jahrzehntelang nachgeplappert. Glücklicherweise hielten sich Rose Ausländer, Paul Celan und Nelly Sachs nicht daran. Romanciers und Regisseure sind hingegen meist kläglich gescheitert, wenn sie sich dem Holocaust zuwandten;...
