Original und Palimpsest

Graz/Wien, Offenbach: Hoffmanns Erzählungen

Opernwelt - Logo

Dichtertum und Trunkenheit: Man kennt das in Graz. Werner Schwab starb vor fast zwölf Jahren in der Sil­ves­ternacht, Magic Wolfgang Bauer erst vor wenigen Wochen, beide wohl an alkoholischer Erschöpfung. So trifft das zerrüttete Bild, das der Titelheld am Schluss von Offenbachs «Hoffmanns Erzählungen» in Tatjana Gürbacas Grazer Inszenierung bietet, einen bekannten Nerv. Gerade noch bereit zum rasanten Abflug ins Reich der Fantasie, liegt er stockbesoffen auf der Gangway, als Transe mit Perücke und Stöckelschuh.

Letztere sind Fetische, übrig geblieben aus seinen Traum- und Zerrbildern von der idealen Frau.
Der Trost der Muse und des «Chors der unsichtbaren Geister» – der sich hier als Publikum eines Kunst-Events materialisiert – klingt wie der pure Hohn: Dein Unglück, Künstler, macht deine Kunst erst möglich. «Nicht der Mensch zählt, sondern einzig, was er schafft», beschrieb Egon Voss diesen Schluss in einem wichtigen «Hoffmann»-Essay, den Tatjana Gürbaca wohl gut verinnerlicht hat. Zumindest faltet sie einige der dort ge­äußerten Ideen überzeugend für die Bühne auf. Etwa die Figur der Muse als Öffentliche Meinung und als Hoffmanns Managerin. Die vielseitige Sophie Marilley, an ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2005
Rubrik: Panorama, Seite 53
von Gerhard Persché

Vergriffen
Weitere Beiträge
Märchen in der Provinz

Von Wien nach Osten parallel zur Donau. Zunächst Schwe­chat: der Flughafen, die Raffinerien. Der Kern der alten Kaiserstadt atmet noch den alten Charme. Die Außenbezirke dagegen zeigen den Moloch, der Wien auch ist. Die Autobahn nach Bratislava, nach Budapest führt schnell heraus ins Länderdreieck zwischen Österreich, der Slowakischen Republik und Ungarn. Pannonien...

Matterhorn als Mantel

In Zeitlupe öffnet sich der Vorhang und gibt minutenlang den Blick frei auf ein eigentlich hinter der Szene spielendes Geschehen, hier erstarrt zum Chor-Tableau: Grell herausgeputzte Frauen und Männern im schlecht sitzenden Siebziger-Jahre-Outfit. Zwei Figuren schälen sich heraus: Matrone Mamma Lucia (mit enormem Mut zur Hässlichkeit: Snejinka Avramova) und die...

Ein bisschen wie in Bayreuth

Herr Fischer, wir sitzen hier an einem ganz besonderen Ort: auf Schloss Esterházy in Eisenstadt. Hier war Joseph Haydn jahrzehntelang Hofkapellmeister.
Fischer: Das ist ein bisschen wie in Bayreuth, denn der Konzertsaal im Schloss ist der einzige noch bestehende Saal, wo Haydn selbst seine Werke aufgeführt hat. Er hat ihn sogar umbauen lassen, damit er seinem...