Mussorgsky, der Schreckliche

Kent Nagano und Calixto Bieito bringen an der Bayerischen Staatsoper die Urfassung von «Boris Godunow» heraus – mit dem überragenden Alexander Tsymbalyuk in der Titelpartie

Opernwelt - Logo

Ein schlichter Mönch, der Chronikschreiber ­Pimen, hat das Wissen um die Katastrophen Russlands in der Hand, wie sie in Mussorgskys gewaltigem «Boris Godunow» aufscheinen: «Es zieht Vergangenheit an mir vorüber – bewegt, so wie ein Meer, ein Ozean...» Mussorgsky, der Historiker unter den Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts, verwandelt das wirre Panorama seines Landes zu Beginn des 17. Jahrhunderts in eine unerhörte Theaterhandlung. Er ist der Visionär der Macht, der menschlichen Seelen und Schicksale, noch finsterer als Wagner im «Ring».

Dafür haben Calixto Bieito und seine Bühnenkünstlerin Rebecca Ringst einen harten Realismus – ohne jede Kreml-Nostalgie – gefunden, der in seiner Schwär­ze, Leere und klobigen Einfachheit genau zu dem Stück zu passen scheint.  

Nur die frühe, radikal geraffte Version der Zaren- und Volkstragödie, der sogenannte «Ur-Boris» von 1869, kann die ganze Tiefe der ­Geschichte nach Puschkins Drama von 1824 ausloten, die monströse Wucht des Schrecklichen erlebbar machen. Auch am Ende ist es Pimen, der das Wort führt: Anatoli Kotscherga gestaltet die Figur mit der Gewalt des schwarzen Basses, gibt mit packender Intensität das Porträt des seherischen Mönchs. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2013
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Wolfgang Schreiber

Weitere Beiträge
Bitte recht neblig

Mit Franchettis «Germania» und Gnecchis «Cassandra» hat Kirsten Harms an der Deutschen Oper Berlin auf den hierzulande kaum bekannten «Wagnerismo» aufmerksam gemacht, der sich in Italien der Generation der um 1870 geborenen Künstler bemächtigte. Noch bis 8. April zeigt der Palazzo Fortuny in Venedig eine Schau, die das Phänomen in der italienischen Bildenden Kunst...

Infos

Meldungen

Alexander Pereira, Intendant der Salzburger Festspiele, hat für den kommenden Sommer ein Budget von 62 Millionen durchgesetzt. Benötigt werden mehr als 64 Millionen. «64,3 Millionen Gesamtbudget wurden explizit abgelehnt», sagte Salzburgs Bürgermeister Heinz Schaden dem ORF. «Das Direktorium muss die fehlenden 2,3 Millionen selbst auftreiben.» Gelinge das...

Stadttheater

Es hat seinen besonderen Reiz, Donizettis «Favorite» im Jahr des Wagner-Jubiläums zur Aufführung zu bringen: Die Erstellung des Klavierauszugs war die erste große Auftragsarbeit, die Wagner 1840/41 aus Geldnot für den Pariser Verleger Maurice Schlesinger erledigte (wofür er mit 1100 Francs gar nicht schlecht entlohnt wurde: Ein einfaches Hotelzimmer kostete damals...