Morgen über uns
Am Ende – kurz vor elf Uhr nachts – gehen zwei Menschen «in den Himmel» ein. Sie nennt sich Heliane und ist, der Name verrät es, eine Art weiblicher Heiland, Stimmlage Sopran. Er hat zwar keinen Namen, soll aber ebenfalls eine Erlösergestalt sein, Stimmlage Tenor. Kein Liebesduett, dafür eine Apotheose. Eigentlich sind die beiden längst tot, nun aber «strömen Du und Ich in einen Strom». Hinter der Bühne schmettern Trompeten und Posaunen. Auf der Bühne feiert der Chor in goldglänzenden Akkordtrauben einen «Morgen über uns». Das Orchester schwelgt in gleißendem H-Dur.
Der Vorhang schließt sich, wie die Regieanweisung fordert, «über Licht und Schönheit».
Maßloses Finale einer maßlosen Oper. Dass sie mit eschatologischem Furor alle Bühnenformate sprengt, macht ihren Reiz aus. Die Deutsche Oper Berlin geht damit zwar nicht in den Himmel ein, aber am späten Ende gibt es viel Jubel – von allen, die nicht im Klangbad ersoffen sind. Musiktheater als postdramatischer Selbsterfahrungstrip, als endlose, zeitfreie Performance, als sinnlicher Dauerbeschuss: Schon klar, warum Erich Wolfgang Korngolds «Wunder der Heliane» heute wieder Konjunktur hat. Christoph Schlingensief hätte sie geliebt, ...
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Opernwelt Mai 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Stephan Mösch
Die Umstände sprechen eigentlich dagegen. Die Lage – eineinhalb Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Die dürftige Parkplatz-Situation. Der kleine, schwer zu findende Shuttlebus vom nahen Einkaufszentrum. Dazu eine Industriehalle, die zwar mit Bar, Sitz- und Steh-Ecken im Foyer aufgehübscht wurde, die aber für große Oper zu niedrig ist. Und doch: 60 000 Zuschauer im...
Glaubt man dem Klappentext, zeigt sich Benjamin Godard in seiner Dante-Oper «auf dem Gipfel melodischer Inspiration und kompositorischer Meisterschaft, in einem Stil, der Gounod erneuert und den Vergleich mit Massenet nicht zu scheuen braucht». Das sah die zeitgenössische Kritik anders. Camille Bellaigue zeterte: «Ihr, die ihr in die Opéra-Comique eintretet, lasst...
Was für eine Inkubationszeit! «Ein Traumspiel», die erste Oper von Aribert Reimann, wurde 1965 in Kiel uraufgeführt (dirigiert von Michael Gielen). Erst 22 Jahre später – der «Lear» war längst ein Erfolg – kam das Stück wieder auf die Bühne, diesmal in Wiesbaden. Noch einmal drei Jahrzehnte später erlebt es nun seine dritte Produktion – am Theater Hof, was einfach...
