Mit und ohne Zirkus
Händels «Theodora» und Verdis «Falstaff», Berlioz‘ «Bérénice et Bénédict» und Monteverdis «Poppea» – und zum Ende der Saison noch Alban Bergs «Lulu» und Jean-Philippe Rameaus «Les Boréades»: lauter letzte oder späte Werke – eine wahrlich originelle Dramaturgie. Die Straßburg-Mulhouse-Colmarer Opéra national du Rhin kam darauf. Und keineswegs unoriginell auch das Spielplanmotto: «Vendanges tardives», Spätlesen – dem Vorzugsprodukt des Elsass angemessen.
Kein Zirkus, sondern Nüchternheit. Der Dompteur trägt einen Arztkittel. Er ist Pathologe.
Die Personnage, die er in Bergs Prolog vorstellt, ist in Schubladen abgelagert. Andreas Wilkens‘ Bühne und Andreas Baeslers Inszenierung siedeln «Lulu» in einem grün gekachelten Leichenschauhaus an. Hinter dem weinroten Vorhang, hinter dem bürgerlichen Wohnluxus bei Dr. Schön verschwindet das Pathologie-Ambiente indessen mehr und mehr – eine neue Haut, eine Verpuppung, die den Bildursprung nur noch ahnen lässt, ein Erscheinungswechsel wie bei der Titelheldin. Sie ist gleichwohl zu wenig eindeutig geführt: Vamp, Tier, Femme fatale, unschuldiges, weil schuldunfähiges Opfer – von allem etwas. Baesler zeigt das Rondo eines Lebens, den mit dem Bild ...
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