Missverständnis
Janáčeks letzte Oper differiert an einem neuralgischen Punkt von ihren Vorgängerwerken. Nicht das Einzelschicksal, wie in «Jenůfa», «Die Sache Makropulos» oder «Katja Kabanowa», steht im Fokus. Der Blick des Komponisten richtet sich auf das Kollektiv der gequälten Kreaturen, auf deren körperliche wie moralische Verrohung, sprich: auf die condition humaine, wie sie angesichts unhaltbar-grauenvoller Zustände pulverisiert.
Das titelgebende «Totenhaus» dient hierbei als Metapher für eine entzauberte Welt, in der Janáček seine Figuren leiden lässt, auf der Suche nach dem göttlichen Funken in sich. «Sie wissen, wir alle träumen vom Paradies, vom Himmel, und kommen doch nie hinein», heißt es in einem Brief an die Geliebte Kamila Stösslová.
Patrice Chéreau und Barrie Kosky haben dies auf gnadenlos-grandiose Weise gezeigt. Haben die Depravation einer (ein-)geschlossenen Gesellschaft in den Mittelpunkt gerückt, die drei großen Erzählungen aus diesem «Kern» deduziert. David Hermann geht in Frankfurt den umgekehrten Weg. Er richtet sein Augenmerk auf das Individuum als Opfer der Verhältnisse. Als Inititial dient ihm jener Satz aus dem Libretto, den schon Dostojewskis «Erzähler» Alexander ...
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Opernwelt Mai 2018
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Jürgen Otten
Eine junge Frau hält einen Totenkopf in den Händen, betrachtet ihn eingehend, wirft ihn dann von sich; ein Kind fängt den mutmaßlichen Schädel auf, er entpuppt sich als Ball. Und wir haben uns täuschen lassen. Calixto Bieito punktet, führt mit einem konkreten, angemessen schillernden Bild in seine szenische Anverwandlung von Verdis «Messa da Requiem» ein. Mutter...
«Die Ausflüge des Herrn Brouček» gehören zu den selten gezeigten Meisterwerken Janáčeks. Und zwar deswegen, weil die 1917, unmittelbar vor «Katja Kabanowa» entstandene Oper nicht als solches gilt. Begründet wird das Urteil mit dem chaotischen Libretto, an dem mindestens vier Autoren beteiligt waren, unter ihnen auch der Komponist; schon die literarische Vorlage ist...
In einer theaterinternen Typologie werden Repertoireopern gern Etiketten aufgeklebt: «Fidelio» und «Freischütz» sind heute immer heikle «Interpretationsfälle», der «Ring» ein Prüfstein, die «Soldaten» eine Herausforderung, die «Lustige Witwe» etwas für die Kasse - und «Hänsel und Gretel» etwas für die ganze Familie. Zur letzten Kategorie gezählt wird häufig auch...
