Menschliches Maß
Dieser Gott ist ein gewiefter Politiker. «Schon erfleht die schmachtende Erde mit tausend und abertausend Mündern fiebernd Hilfe von oben. (…) Verwelkt und entlaubt leben kaum noch die Wälder. / Nun ist es an uns, denen Schutz und Schirm der Welt obliegen, den Schaden gutzumachen und die Natur zu entschädigen», spricht Jupiter, sobald er den glühend heißen Erdboden betreten und sich den von ihm selbst angerichteten Schaden angesehen hat.
Viel anders als der Göttervater, wie ihn Francesco Cavalli und Giovanni Faustini in ihrer «La Calisto» auftreten lassen, reden heute auch Bush und Putin bei ihren Stippvisiten in kriegs- und katastrophenverheerten Gebieten nicht. In der Regel bleiben die Bemühenszusagen heute genauso folgenlos wie vor dreihundertfünfzig Jahren, als dieses Meisterwerk der venezianischen Barockoper zum ersten Mal über die Bühne ging – und auch Jupiter macht im weiteren Verlauf nur noch durch einen Sexskandal von sich reden.
Schon hier, gleich zu Beginn des ersten Aktes, muss auch jeder Regisseur bekennen, wie er es mit dem Stück hält: Belässt er den Figuren ihre Götter- und Nymphenmasken oder reißt er sie fort, damit der Sarkasmus, aber auch die Humanität von ...
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Das hatten wir uns so schön vorgestellt. Der Lederrocker Wotan hat schulterlange Rastalocken und Erda auch. Wie, so malten wir uns aus, muss da ihrer beider Tochter Brünnhilde erst ausschauen? Das Gedankenspiel kam uns am Ende von Wagners «Rheingold». Das war in der vorigen Saison zwar als «Ein Vorabend» untertitelt, nicht jedoch zu den unglückseligen Weiterungen...
In der Regel singt der Mensch, um einen außerordentlichen Gefühlszustand auszudrücken – ein Umstand, den sich der Kunstgesang zunutze macht, speziell in der Oper. Wenn einer nun «Bitte ein großes Bier» schmettert, so handelt es sich entweder um einen säumigen Vokalisten, der die Bestellung in der Kantine dazu benutzt, um sich für die Probe einzusingen. Oder aber...
Kristina Wuss, Berghaus- und Konwitschny-Schülerin, hat Oscar Wildes einstiges Skandaldrama gegen den Strich gelesen. Sie entziffert in Strauss’ Vertonung der Begegnung der morbiden Kindfrau mit dem asketischen Propheten zu Recht eine psychologische Introspektion. Bei ihr ist Salome keine wahnsinnige Mänade, sondern ein junges Mädchen, das in einer aus den Fugen...
