Masken und Musik

Er war ein Zeitzeuge europäischer Umwälzungen: Carlo Gozzi, geboren 1720, als der Sonnenkönig noch gut im Gedächtnis war, und gestorben 1806. Da war Schiller schon tot, und Goethe schrieb am «Faust». Gozzis Theater inspirierte viele Musiker- und Dichter­generationen. E. T. A. Hoffmann nannte ihn schlicht «göttlich». Richard Wagner knüpfte mit seinen frühen «Feen» bei ihm an. Im zwanzigsten Jahrhundert kam sein antipsychologischer Stil wieder in Kurs: Ferruccio Busoni und Sergej Prokofjew besannen sich auf Gozzis Dialektik, und Hans Werner Henzes komplexer «König Hirsch» setzt den Märchen-Zauber des Italieners mit anderen Mitteln fort.

Opernwelt - Logo

Carlo Gozzi macht es heutigen Lesern nicht gerade leicht, ihn zu mögen: Er war nicht nur stockkonservativ, er wusste auch alles besser. Neuerungen waren ihm suspekt: Die italienische Literatur (so schreibt er in seinen Memoiren, denen er den koketten Titel «Unnütze Erinnerungen» gibt) «wurde durch verdrehte, ehrgeizige Fanatiker, die heutzutage um jeden Preis für Originale gelten wollten, verderbt und ruiniert. Diese Ketzer predigen gegen die ehrwürdigen Väter der italienischen Literatur und suchen unsere Jugend der Pflege der Tradition und der Einfachheit abtrünnig zu machen.

»
Das ist zumindest eine grobe Vereinfachung, und seit uns mit dem Glauben an überzeitlich gültige ästhetische Normen auch der klassische Kanon weitgehend abhanden gekommen ist, geht solche Schwarzmalerei den meisten Lesern auf die Nerven. Gozzi kämpfte auf verlorenem Posten: Die Ideen der Aufklärung, die er von Venedig fernzuhalten suchte, sollten zur Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts werden; und in der Geschichte des italienischen Theaters hat der Realismus seines Kontrahenten Carlo Goldoni viel markantere Spuren hinterlassen als Gozzis Märchen- und Maskenspiele.
Während seines ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2006
Rubrik: Thema, Seite 38
von Albert Gier

Vergriffen
Weitere Beiträge
Lortzing: Undine

Noch vor vierzig Jahren hätte sich kein Opernfreund vorstellen können, dass eine Produktion von Lortzings «Undine» einmal unter die Rubrik «Ausgrabung» fallen würde. Aber inzwischen ist das einst so beliebte Werk derart gründlich von der Opernbühne verschwunden, dass man für das vergangene Jahrzehnt nicht einmal auf fünf Auffüh­run­gen an deutschen Theatern kommt....

Ensemblegeist

Seltsam, dieses Nachleben von «La clemenza di Tito». Es blieb über mehr als zweihundert Jahre ein permanentes Hin und Her zwischen beliebt und vergessen. Dass diese Oper ausgerechnet im Mozart-Jahr 2006 von zahl­reichen Bühnen wieder lebhaft in Erinnerung gebracht wird, zeugt ebenso von einem gewissen Nachholbedarf wie die Tatsache, dass der «Titus» nahezu...

Theater der Stimmen und großes Musiktheater

Von Lauritz Melchiors New Yorker «Lohengrin»-Auftritten existieren nicht weniger als fünf Mitschnitte aus den Jahren 1935 bis 1950. Der mittlere von 1943 liegt jetzt bei Naxos klanglich revidiert vor und zeigt den Sänger in exzellenter Verfassung. Er ist ein eher heldischer als romantischer Lohengrin, doch seiner triumphalen Tenor-Power kann man sich kaum...