«Man sieht das Wirkliche»

Ein schlichtes Mietshaus in der Wiener Josefstadt. Nicht gerade die Umgebung, in der man einen der größten Dirigenten der Gegenwart vermuten würde. Und doch tritt einem Nikolaus Harnoncourt in der spartanisch möblierten, fast studentisch anmutenden Altbauwohnung – seiner haupt­städtischen «Absteige» – entgegen. Im Wohnzimmer steht neben seinem Sessel ein kleiner Sekretär, an dem Harnoncourts Frau Alice während des Gesprächs die Stimmen für Idomeneo einrichtet – es sei denn, sie wird von ihrem Mann um fach­liche Auskünfte gebeten, die sie prompt wie ein leibhaftiges Lexikon liefert. Harnoncourt ist freundlich und konzentriert und überlegt bisweilen lange, ehe er antwortet. Einige Themen locken ihn dagegen so aus der Reserve, dass er die Fragen kaum abwarten kann. Flammender Ernst, Leidenschaft für die Sache, grimmiger Humor: Was Harnoncourts Musizieren auszeichnet, ist auch im Gespräch über sein Lebensthema in jedem Moment zu spüren. Am Ende stellt man verwundert fest, dass die verabredete Zeit um das Doppelte überzogen wurde.

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Herr Harnoncourt, Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit dem Werk Mozarts. Was ist für Sie die größte Herausforderung, wenn Sie sich auf eine neue Produktion wie den «Idomeneo» vorbereiten?
Ich möchte die Grundidee des Komponisten jedes Mal wieder neu finden. Der Grazer «Idomeneo» ist mein dritter Anlauf zu diesem Stück, es gibt kaum eine Oper Mozarts, die ich nur einmal gemacht habe. Übrigens ist Mozart für mich wahrscheinlich der einzige Komponist, der immer Theatermusik schreibt.

Ich fand schon seit jeher in jeder Violinsonate, in jeder Kammermusik, in jeder Sinfonie Musiktheater. Insofern kann ich bei Mozart Oper von Instrumentalmusik nicht trennen.

Sind die Opern Mozarts – weil hier das Theater sichtbar ist – leichter zu interpretieren als seine Instrumentalmusik?

Wahrscheinlich ja, das Szenische hilft. Selbst wenn man es konzertant macht, hilft die Textierung – man kann erkennen, ob sie durch die Musik unterstützt wird oder ob es Subtexte gibt, was bei Mozart sehr oft der Fall ist. Im Gegensatz zum Sprechtheater kann ich in der Musik einen Text und zugleich zwei, drei Subtexte vermitteln. Wenn man das nicht erkennt, entsteht eine Orchesterbegleitung und so ein die Idee der ...

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Opernwelt Jahrbuch 2008
Rubrik: Harnoncourt und Mozart, Seite 74
von Olaf Wilhelmer

Vergriffen
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