Magisch gegenwärtig

Damiano Michieletto holt an der Komischen Oper Berlin Jules Massenets «Cendrillon» aus der Kitschecke – mit Nadja Mchantaf und Karolina Gumos als famosen Hauptfiguren

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Anno 1899 stand Jules Massenet im Zenit seines Ruhms – und seiner handwerklichen Meisterschaft. Er hatte «Werther» in Wien herausgebracht und war mit «La Navarraise», einem Auftragswerk für London, auf der Verismus-Welle mitgeschwommen. Mit der Vertonung von Alphonse Daudets Roman über die Pariser Edelkurtisane «Sapho» wagte er sich an ein bewusst zeitgenössisches Sujet, um anschließend mit dem Aschenputtel-Märchen einen Kennt-Jeder-Stoff anzugehen.

Massenets Manie, nach jedem Erfolg ein möglichst kontrastierendes Thema zu wählen, wirkt dabei fast wie eine Strategie, sich selbst nicht zu langweilen.

Die Entscheidung, den prince charmant in der «Cendrillon» mit einer Mezzosopranistin zu besetzen, war nicht nur eine Reverenz an die Hosenrollen des Rokoko, sondern wohl auch von dem Bedürfnis beflügelt, jene Sphären erotischer Ekstase zu meiden, für die er verehrt wurde, vornehmlich von in Korsetts eingeschnürten Bürgersgattinnen samt ihren Zimmermädchen. Stattdessen setzte der Komponist auf raffiniert-augenzwinkernde Parodien «alter» Musik von Rameau bis Mozart für die Sphäre des Hofes wie des häuslichen Umfelds Aschenputtels, während er es in den Feen-Szenen darauf anlegte, Gounods ...

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Opernwelt August 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Frederik Hanssen

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