Liebestodsüchtig
Dem scharfen Stahl ausgesetzt ist dieser Körper ständig. Schon zu Beginn, wenn Lulu auf eine drehbare Zielscheibe geschnallt ist. Als Objekt des Messerwerfers, als zirzensische Zurschaustellung ihrer Wehrlosigkeit. Mehrfach kehrt das Symbol der Scheibe wieder, gegen Ende wird ein kreisrunder roter Stoff wie ein Leichentuch ausgebreitet. Da ist der Stich nicht mehr fern: Es ist die einzige echte Liebesszene, in der dieses ungreifbare Frauenwesen plötzlich ganz bei sich ist – in der tödlichen Umarmung von Jack the Ripper. Alban Bergs liebestodsüchtige Musik erzählt überdeutlich davon.
Und wenn diese schmerzlich schönen Klänge anheben, dann ist auch dieser dritte Akt wieder bei der originalen Hinterlassenschaft des Meisters. Was vorher war, ist ein neues Konstrukt, auf das auch das Theater Augsburg für seine «Lulu» vertraut: die 2010 in Kopenhagen erstmals gespielte Fassung von Eberhard Kloke. Viel freier als Friedrich Cerha geht er mit Bergs Fragmenten um. Lücken und mehr Sprechstrecken lässt er zu. Und so, wie sich Lulus Leben immer mehr entleert, so bröseliger, bröckeliger wird auch das Stück in der Kloke-Fassung.
Dass dieser Showdown-Akt in Augsburg die stärksten Momente bietet, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Februar 2012
Rubrik: Panorama, Seite 34
von Markus Thiel
Der 62-jährige Manfred Trojahn kann mit einigem Recht als typischer Vertreter der deutschen «Literaturoper» apostrophiert werden, wie sie die um eine Generation älteren Komponisten Hans Werner Henze, Giselher Klebe oder Aribert Reimann praktizier(t)en. Da mit Claus H. Henneberg (der für ihn Pirandellos «Enrico» bearbeitete) und Christian Martin Fuchs (der das...
Es gibt Stücke, die gibt’s nicht wirklich auf den Spielplänen. Sie tauchen nur ab und zu dort auf, werden bestaunt, bewundert, befragt, befeuert und bisweilen auch belächelt. Dann verschwinden sie wieder – um später wieder aufzutauchen und bewundert und belächelt zu werden und wieder zu verschwinden. Man könnte sie Einzelgänger nennen, ohne dass sie deshalb gleich...
Einen Moment lang, als das überschaubare Publikum die Treppe zum Dachgeschoss des Historischen Zentrums in Wuppertal-Barmen mit dem Familienhaus von Friedrich Engels hinaufklettert –, einen Moment lang scheint dieser Ort der ideale Platz, um wie weiland der junge Engels in seinen «Briefen aus dem Wuppertal» gegen die Folgen der Industrialisierung zu wettern....
