Lichtschneisen in eine neue Zeit
Die Musik kommt aus dem Nichts. Eine aufsteigende Quinte der tiefen Streicher, dann ein Ganzton. Sehr leise beides, sehr legato und très modéré. Die Bewegung wiederholt sich. Holzbläser treten dazu: synkopisch sanft angestoßene Akkorde, mehr kreisend als zielgerichtet. Abbruch. Von fern grollt die Pauke. Dann ein neuer Start, die gleichen Töne, nur heller, höher, konturierter. Das Ohr sieht etwas besser, dennoch bleibt der Klangraum dunkel. Und dann plötzlich dieses Weinen. Ein einzelner starrer Ton der Oboe, eine zarte Seufzergeste. Es ist das Erste, was wir von Mélisande hören.
Warum weint sie?
In Essen zieht uns ein blauer Portalschleier ins Geschehen. Er lichtet sich langsam – wie die Musik. Mélisande weint mit dem ganzen Körper, stark und stumm. Sie steckt in einem hellen, hochgeschlossenen, schuppenartigen Kleid. Eine Meerjungfrau könnte sie sein, die gerade schmerzvoll Mensch geworden ist. Sie ist groß und blond und scheu, ihre Sinnlichkeit unbewusst. «Fasst mich nicht an», sagt sie. Ein Stück Natur. Ein Trauma. Ein Rätsel.
In Frankfurt steht Mélisande in einem hellen Spotlight. Sie weint nicht, sondern fingert nach ihrem Feuerzeug. Sie braucht einen Joint. Sie steckt in ...
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Opernwelt Januar 2013
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Stephan Mösch
In ihrem Tagebuch notiert Cosima Wagner von den Ring-Proben 1876, dass den Kindern der erste Akt Siegfried am besten gefallen habe. Kinder wären auch die idealen Zuschauer für Achim Freyers am Puppenspiel und Kasperletheater orientierter Mannheimer Inszenierung. Für das Scherzo in Wagners Ring-Sinfonie vom Anfang und Ende der Welt verzichtet Freyer auf das optisch...
Weicher Streicherklang, ein Harfenarpeggio, dann hebt er zu singen an, der geistvolle Barde: «Blick’ ich umher in diesem edlen Kreise...» Dass Christian Gerhahers erste CD mit Opernarien ausgerechnet mit Wolframs Ansprache aus Wagners Tannhäuser beginnt, ist paradigmatisch. Liedhaft, über weite Strecken unbegleitet – was könnte die Qualitäten des Baritons besser...
Andernorts werden Theater geschlossen, Heidelberg eröffnet ein neues und besitzt mit dem großzügig sanierten Altbau aus dem 19. Jahrhundert sowie dem sachlich-kühlen Neubau mit 512 Sitzplätzen jetzt gleich zwei technisch hervorragend bestückte Räume, um die viele Kommunen die Universitätsstadt am Neckar beneiden werden. Besichtigt man das von den Darmstädter...
