Leichenschau
Seine berühmte Abhandlung «Jenseits des Lustprinzips», in der erstmals der Begriff des Todestriebs entwickelt wird, veröffentlichte Sigmund Freud 1920. Im gleichen Jahr kam das heute wieder oft gespielte Werk eines anderen Wieners auf die Welt: Erich Wolfgang Korngolds «Tote Stadt». Eine frappierende Parallele. Die erfolgreichste Oper des frühreifen Komponisten legt mit ihrer überquellenden Klangsinnlichkeit morbid-üppige Bilder nahe.
In Wuppertal spürt Regisseur Immo Karaman, der auch für die Bühne verantwortlich zeichnet, aber nicht der Aura des mittelalterliche Brügge nach, er breitet auch nicht den Horror der «Kirche des Gewesenen» aus, jenes mit Erinnerungen vollgestopften Hauses, in dem Witwer Paul sich dem Andenken an seine verstorbene Frau Marie hingibt. Karaman verzichtet auf Atmosphäre und Moderluft, zeigt stattdessen eine grün gekachelte Leichenschauhalle, in der es ein einziges Kühlfach gibt. Die Lade ist aufgezogen, Paul kauert auf einem Stuhl, schneidet schluchzend eine Strähne aus dem Schopf der Verblichenen, die er fortan als Reliquie verehrt.
Die folgenden, von Korngold als Vision konzipierten Szenen, in denen Paul der Tänzerin Marietta begegnet, die Marie ...
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Opernwelt August 2019
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Regine Müller
Diesem Mann ist nicht zu helfen. Während seine einstige Liebe Stella im Theater singt, sehen wir den erfolglosen Dichter Hoffmann im Bistro nebenan, hin- und hergerissen zwischen Schreiben und Trinken. Um ihn herum stapeln sich die getippten Manuskriptseiten, aus dem Off erklingen die Geister des Bieres und des Weins, bis er schließlich betrunken am Boden liegt....
Zuletzt sorgte die Oper Halle vor allem wegen der erbitterten, öffentlich ausgetragenen Kontroverse um die künstlerische Leitung für Furore. Aber auch mit dem Theaterpreis des Bundes, der ausdrücklich die innovative Ausrichtung des Hauses nennt, die sich unter anderem im Konzept einer die Grenze zwischen Zuschauern und Akteuren aufhebenden Raumbühne erkunden lasse....
60. Jahrgang, Nr 8
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