Kranke Seelen
Ein orientalisches Märchen haben Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal nach eigenem Bekunden zur Oper ausgestaltet, als sie mitten im Ersten Weltkrieg «Die Frau ohne Schatten» schufen. In Claus Guths Regie an der Mailänder Scala wird aus dieser poetischen Allegorie à la «Zauberflöte» der reale Alptraum einer leidenden Frau. Schon die resolute, emanzenhaft kecke Krankenwärterin Michaela Schusters (darstellerisch und mit reich moduliertem Ammen-Alt gleichermaßen brillant) treibt jede Erinnerung an tradierte Rollenprofile aus.
Claus Guth entführt uns in die Welt der Seelenkrankheiten, um die Hofmannsthal und Strauss wussten und um die sie mit brokatener Sprache und musikalischer Finesse nur oberflächlich einen Bogen schlugen.
Es geht um einen Vater (Keikobad, als stumme Rolle in drohender Hirschgestalt) und einen fernen Gatten (mit wundervollem Tenor und hilfloser Jägergestik: Johan Botha). Und um die junge Frau Kaiserin, eingeklemmt zwischen den Rollen von heiliger Tochter und brünstiger Geliebter. Davon fühlt sie sich – wie viele ihrer Geschlechtsgenossinnen – überfordert. Sie flieht, vorbei an unheimlichen Tiermenschen. Weil Guth auf die Kraft der Bilder vertraut, nicht alles ...
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Opernwelt Mai 2012
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Birgit Pauls
Zeitgenössische Opern sollten nach ihrer Uraufführung eine zweite Chance erhalten. Von dieser kulturpolitisch sinnvollen Forderung profitieren leider selten die sperrigen Werke (es sei denn, sie genießen den Kultstatus von Helmut Lachenmanns «Mädchen mit den Schwefelhölzern»), sondern meist Opern, die an das Repertoire, die Tradition, das klassische Gesangsideal...
Spät hat die Lyric Opera of Chicago Händel für sich entdeckt. Auf einen konzertanten «Rinaldo» (1984) in der verstümmelten Fassung, die Marilyn Horne im selben Jahr an der Met herausgebracht hatte, folgte ein Jahr später eine ähnlich invasive Bearbeitung des Oratoriums «Samson» mit Jon Vickers in der Titelrolle. Erst mit der Aufführung der an zahlreiche Häuser...
Abschied
Er selbst bezeichnete sich einmal als «Kritiker, Dramaturg, Intendant und Bücherschreiber über Musik und Kunst». 1931 in Budapest in eine jüdische Familie hineingeboren, überlebte Ivan Nagel den Naziterror in einem Budapester Versteck, bevor er 1948 nach Zürich floh. Nach dem Studium in Paris, Heidelberg und Frankfurt am Main, wo er u. a. Philosophie bei...
