«Ich war nie vorsichtig»
Herr Tcherniakov, kürzlich haben Komponisten, Sänger, Regisseure, Bühnenbildner, Operndirektoren und Dramaturgen in Heidelberg einen ganzen Tag lang über «politisches Musiktheater heute» diskutiert. Können Sie mit diesem Begriff etwas anfangen? Hat er eine Bedeutung für Ihre Arbeit?
(überlegt lange) Es gab vielleicht mal Zeiten, in denen dieser Begriff wichtig war. Zum Beispiel für Ruth Berghaus oder für Peter Konwitschny, den ich sehr verehre. Vor zehn, fünfzehn Jahren habe ich versucht, alles von ihm zu sehen.
Ich habe auch von dem Symposium in Heidelberg gehört. Ich weiß, dass Konwitschny dort zwei neue Stücke inszeniert hat. Mir ist völlig klar, wovon hier die Rede ist. Aber was ich in meinem Leben gemacht habe, ist etwas anderes. Ich glaube nicht daran, dass künstlerische Äußerungen das Bewusstsein der Menschen wirklich verändern können. Jedenfalls habe ich das höchst selten erlebt. Bücher können vielleicht etwas verändern, aber die Aufführung einer Oper? Nein. Für mich war Oper immer ein sehr persönliches Erlebnis. Ich entdecke da viele Dinge, die mich selbst beschäftigen: Verluste, Komplexe, Ängste, bestimmte Erlebnisse.
Ihre Inszenierungen werden, zumal in Deutschland, oft ...
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Opernwelt April 2015
Rubrik: Interview, Seite 34
von Albrecht Thiemann
Frau Schneider, wie kam es eigentlich zum Fachwechsel?
Das hat sich so ergeben, da bin ich reingewachsen. Ich dachte immer, ich singe die Königin, bis ich 50 bin ... Die Stimme hat sich allerdings anders entwickelt, und ich bin gottfroh darüber. Die Donna Anna in Stuttgart wollte ich damals adäquater singen, breiter, dicker im Ton. Das war der erste Schritt. Noch...
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Politisches Musiktheater – was heißt das heute? Mit welchen Mitteln müssten, sollten, könnten Komponisten und Interpreten arbeiten, um aufzurütteln, Geist und Sinne zu sensibilisieren für das wunde Wunder unserer Welt? Gewiss, Oper war schon immer politisch: Macht und Revolte, die Dialektik von Herr und Knecht, die Utopie eines erfüllten, von aller Not befreiten...
