Hauptsache authentisch
Frau Kirchschlager, ist es schwieriger geworden für Berufsanfänger?
Viel schwieriger. Andererseits: Mein Lehrer, Walter Berry, hat mir dasselbe schon vor zwanzig Jahren gesagt. Es ist wohl eher so, dass sich die Anforderungen verändern. Aber ich fände es schon hart, diesen Kampf heute noch einmal aufzunehmen.
Was genau empfinden Sie als härter?
Früher gab es an den Theatern die Möglichkeit, als Ensemblemitglied Dinge auszuprobieren. Sogar an der Wiener Staatsoper.
Ich habe mich dort an Strauss’ Komponist versucht – war aber nicht das Richtige. Also ließen wir das wieder weg. Und alle haben mir verziehen. Der Direktor, das Publikum, die Presse.
Und heute haben diese Parteien weniger Nachsicht?
Ja. Die Gier nach Sensationen ist zu groß. Das ist auch Schuld der Presse. Wenn eine Anna Netrebko schwanger ist und ein paar Monate nicht präsent, muss sofort «die neue Netrebko» her. Irgendeine junge Kollegin wird blitzschnell hochgehypt, und alle Medien springen auf den fahrenden Zug. Beladen sie mit Erwartungen, die eigentlich unerfüllbar sind. Sobald sich dann herausstellt, dass sie auch nur ein Mensch ist, gute und schlechte Tage hat, wird sie fallen gelassen. Das macht es sehr schwer.
Wo ...
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Opernwelt Juni 2015
Rubrik: Magazin, Seite 72
von Wiebke Roloff
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