Handwerk, verklärt
Wenn das so weitergeht, dürfte er irgendwann die Gestik ganz einstellen. Ein aufmunternder Blick, ein Handgelenksschlenker, im Ernstfall eine hochgezogene Augenbraue, das könnte dann reichen. Immer sparsamer wirkt das, was Christian Thielemann auf dem Podium macht: Die Verklärung des Handwerks hat bei ihm schon jetzt eine sehr entscheidende, sehr sichtbare Stufe erreicht. Das Verdi-Requiem, bei den Salzburger Osterfestspielen gerade absolviert, ist ein Beispiel dafür.
Minimalistische Bewegungen, keine Mätzchen, zügige Tempi, kaum genüssliche Verbreiterungen, eine große Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit im Umgang mit der Partitur. Kein Abend religiöser Bekenntnisse, sondern reflektierter Kapellmeistertechnik.
Diese sehr italienisch geratenen Osterfestspiele sind unter anderem Thielemanns Demonstration, welchen Plunder es alles nicht braucht am Pult. Was er bei Strauss, Wagner & Co. vollbringt, das steht auch Pietro Mascagnis «Cavalleria rusticana» ausnehmend gut. Kundig und behutsam dreht Thielemann an den Reglern seiner Sächsischen Staatskapelle. Der Klang ist zwar süffig grundiert, jedoch nie erdenschwer. Bleifreie Power gewissermaßen. Auch dürfen die Dresdner ein paarmal ...
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Opernwelt Mai 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Markus Thiel
Wenn man den Zuschauerraum betritt, liegt die Bühne bereits offen da. Hinten, vor der Brandmauer, ist das Orchester platziert. Am rechten Bühnenrand vier Straßenlaternen, quer über den Raum leuchtende Hochspannungsdrähte. Links auf der Vorderbühne erhebt sich eine als Spielpodium benutzte Fußgängerüberführung. Der Orchestergraben ist mit schwarzen Müllsäcken...
Ja, so kann es wohl klingen, das «Unbehagen über den Zustand unserer Welt». Pascal Dusapin spricht davon im Zusammenhang mit seiner neuen Oper «Penthesilea», in der er quasi zu sich selbst gekommen sei, wie er der Journalistenrunde mit leisem Lachen sagt: Auch die früheren Opern seien Versuche gewesen, eine «Penthesilea» zu schreiben, aber erst jetzt sei...
In Anna-Sophie Mahlers Lesart müsste die Oper eigentlich «Don José» heißen; denn die junge Regisseurin, die in Bremen schon des Öfteren positiv auf sich aufmerksam gemacht hat, stellt den unglücklichen Carmen-Liebhaber eindeutig in den Mittelpunkt ihrer Inszenierung: das Psychogramm eines Anti-Helden. Andalusien-Flair und spanisches Kolorit sucht man in dieser...
