Göttlicher Idiotismus, himmlische Sklerose

Operettenversuche an Rhein und Ruhr

Opernwelt - Logo

Die jeweils am 11.11. ausbrechende fünfte Jahreszeit ist im Rheinland dem verordneten Frohsinn geweiht, und das lustige Treiben ergreift die Theater bis ins Ruhrgebiet. Aber das Leichte ist auf der Bühne bekanntlich das Schwerste. Als Jacques Offenbach 1858 in seinen Bouffes-Parisiens die komische Oper «Orphée aux Enfers» herausbrachte, war alles noch einfach. Da verspottete er die Gattung Oper, speziell Glucks »Orpheus und Eurydike», und in einer Parallelaktion die bigotte Pariser Gesellschaft im Second Empire des Dritten Napoleon.


Kölns Oper am Offenbachplatz wagte sich schon kurz vor dem Ausbruch des im konkurrierenden Düsseldorf als «Hop­peditz’ Erwachen» firmierenden Karnevals an das Erfolgsstück des geborenen Kölners und ging im Rhein baden. Die Verpflichtung einer Star-Darstellerin aus der Vorabendunterhaltung des Fernsehens als Öffentliche Meinung und eines ehemaligen Regierungspräsidenten, der oft die Politik mit schlechtem Theater verwechselt hatte, ging ebenso daneben wie der Versuch, Offenbachs Gesellschaftskritik auf das Jeckentum im organisierten Karneval zu beziehen. Die Produktion wurde zurückgezogen (siehe OW 12/2005).
Essens Aalto-Oper vermied den Fehler, eine ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2006
Rubrik: Magazin, Seite 20
von Ulrich Schreiber

Vergriffen
Weitere Beiträge
Stifter-Vitrinen

Wer Adalbert Stifter liest, mag sich herausfallen lassen aus der Zeit. Epische Texte, ausufernd, zum Verweilen und Zurückblättern einladend, Landschaftsgemälde aus Worten, zwischen Pastell und Öl changierend. In der Erzählung «Bergkristall» etwa, die schildert, wie zwei Kinder sich an Heiligabend in den Bergen verlaufen, heißt es: «Es war wieder nichts um sie als...

Verdi: La traviata

Der Abend lebt von Violetta. Die junge Sizilianerin Adriana D’Amato ist keine, die sich erst im Jenseits den Schlaf aus den Augen reibt wie «Lulu», kein hart ins Leben gestoßenes, Liebe mit großen Augen erlebendes Kind, als das Franco Zeffirelli die Kurtisane der Jubiläums-«Traviata» vor drei Jahren im Teatro Verdi in Busseto mit D’Amatos Landsfrau Stefania...

Wozzecks Bruder?

Sein Glück bei den Frauen ist für Clyde Griffiths der Ruin. Roberta Alden, von ihm geschwängerte Unschuld vom Lande, zwingt ihm ein Eheversprechen ab. Derweil verliebt sich die Industriellentochter Sondra Finchley in ihn. Wem kämen da nicht Mordgedanken? Auf einsamem Waldsee rudernd, bringt Clyde es dann aber doch nicht fertig, seine Braut planmäßig in Ohnmacht zu...