Gleißende Düsternis
Da sitzt er nun am Lido in Venedig, so steif wie sein Anzug, und quält sich mit Selbstzweifeln, während die anderen dem bunten Strandtreiben nachgehen. Dichterfürst Gustav von Aschenbach ist vor einer Schaffenskrise nach Italien geflohen, aber seine Lebenslüge holt ihn unbarmherzig ein, und seine unterdrückten Triebe geraten in einen letztlich tödlichen Konflikt mit den Zwängen bürgerlicher Moral.
Benjamin Brittens letzte Oper hat, wie die literarische Vorlage von Thomas Mann, viele Facetten: die Beschreibung der in Morbidezza verdämmernden Stadt Venedig, die Auseinandersetzung mit der eigenen und dennoch fremden Homosexualität, der philosophische Konflikt zwischen geistiger und körperlicher Makellosigkeit.
Die Inszenierung von Deborah Warner konzentriert sich dabei ganz auf die Hauptfigur. Ian Bostridge singt und spielt den Aschenbach mit einer Intensität, die Schaudern macht. Er räsonniert, zweifelt, taumelt, hadert, ekelt sich, ergibt sich in glücklicheren Momenten einer schwerelosen Melancholie – um dann am Ende förmlich einzugehen an der Unfähigkeit, die selbst gewählte Rolle als dichterischer Beobachter und Analytiker zu verlassen und seine Gefühle zu leben.
Bei Bostridge ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
In einer Zeit, in der echte Verdi-Sänger ebenso selten geworden sind wie echte Vertreter des Wagner-Fachs, greift der Sammler gern zu alten Mitschnitten und nimmt dabei sogar ein unbefriedigendes Klangbild in Kauf – wie in jenem «Otello» aus Buenos Aires, der nun vom Istituto Discografico Italiano erstmals legal veröffentlicht wird. Ramón Vinay, ein epochaler...
In der stattlichen Diskografie von Puccinis «Madama Butterfly» nehmen die Produktionen der EMI vordere Plätze ein. Fast unerreicht in ihrem unsentimentalen, fast schroffen Habitus ist Gianandrea Gavazzenis Mono-Einspielung von 1954 mit Victoria de los Angeles und Giuseppe di Stefano. Herbert von Karajans klangsinnlichere Version aus dem folgenden Jahr, mit Maria...
Von Londons Bussen heißt es, erst käme keiner – und dann gleich drei auf einmal. Ähnliches könnte man von «Partenope» sagen. Für die zweite Londoner Akademie Händels geschaffen, inspiriert von der Opera seria neapolitanischer Faktur, war dieses 1730 uraufgeführte Werk lange ein Geheimtipp für Kenner– trotz bemerkenswerter Aufführungen wie etwa jene 2001 bei den...
