Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen
Eigentlich ist Wu Hsing-Kuo die Ruhe in Person. Ein scheuer Mann, in sich gekehrt, ernst. Nur selten huscht ein Lächeln über das scharf geschnittene Gesicht. Wu Hsing-Kuo scheint viel nachzudenken, über die verrückte Welt da draußen, über das Leben, über die Kunst, über sich selbst. Ein Stoiker, von dem niemand erwarten würde, dass er je aus der Haut fahren könnte. Doch er kann. Und wie er kann! Auf der Bühne ist Wu Hsing-Kuo ein anderes Wesen. Denn hier geht es für ihn ums Ganze, um nichts Geringeres als die Menschwerdung des Menschen im Spiel.
Und es muss perfekt sein, dieses Spiel. Die Bewegungen, die Artikulation, der Gesang. Die Maske und die Kostüme. Die Flips und die Salti. Die Gestik und die Musik. Alles muss ineinander fließen und wirken wie aus einem Guss. Keine Flüchtigkeit, kein Makel soll die delikate Balance der Ausdrucksmittel stören. Das Equilibrium, das ihm sein Meister als Ideal auftrug, damals in Taipeh, als er sich zu einem Darsteller des jingju, der so genannten Peking-Oper, ausbilden ließ. Die Harmonie, an der er – allen Zweifeln eines wachen, weltoffenen Zeitgenossen zum Trotz, der auch mit Stoffen und Formen des europäischen Theaters experimentiert – bis ...
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