GEREIFT: Janáceks «Jenufa» aus der Deutschen Oper Berlin
Nicht alles, was auf den ersten Blick glänzt, ist von bleibendem Wert. Und nicht alles, was zunächst trübe wirkt, bleibt dauerhaft im Schatten. Als die Deutsche Oper Berlin 2012 «Jenufa» herausbrachte, überwogen gemischte Gefühle (siehe OW 4/2012). Dirk Beckers aseptisch leerer Weißraum, in dem Christof Loy die Tragödie ganz aus dem inneren Drama der Küsterin erzählt, schien die emotionalen Strudel zu neutralisieren, die hier doch alle in die Tiefe ziehen.
Und Donald Runnicles schien mit dem Hausorchester die kurzatmige, aphoristisch schillernde Klangsprache Janáceks eher zu sedieren als zuzuspitzen. Auch manche Stimme blieb unter dem Möglichen.
Zwei Jahre später entfaltet die Produktion ein ausgereiftes, mitunter mitreißendes Bild. Auch wenn der musikalische Instinkt, die stilistische Eloquenz eines Charles Mackerras unerreicht bleiben, so sind die Musiker der Deutschen Oper unter ihrem Chef doch an der Aufgabe gewachsen. Janácek, der Fortschrittliche, schallt nun aus dem Graben: scharf geschnitten die rasch wechselnden Rhythmen, klar collagiert die Fülle prallender Phrasen. Jennifer Larmore, schon am Premierenabend eine starke Figur, durchlebt die Verzweiflung Kostelnickas mit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 24
von Albrecht Thiemann
Bis auf «Platée», das beliebte Ballet bouffon, tauchen Rameaus Werke nach wie vor selten in den Spielplänen auf. Diskografisch steht seine Sache aber gar nicht schlecht – eine Nachwirkung des 250. Todestags 2014. Drei Neuerscheinungen der letzten Monate verdienen Beachtung.
In «Castor et Pollux» (gespielt wird die prologlose Version von 1754) lassen Raphaël Pichon...
Als 1990 der erste Ministerpräsident Brandenburgs gewählt wurde, hatte das Land noch fünf Mehrspartentheater, die ganzjährig Oper, Ballett, Schauspiel und Orchesterkonzerte anboten. Ein einziges davon hat die Rotstiftpolitik der vergangenen 25 Jahre überlebt: das Staatstheater Cottbus (siehe Seite 78). Nicht einmal die Bühne der Landeshauptstadt Potsdam verfügt...
Glöckchentöne einer Celesta. Gläserne Klangschlieren. Aus höchsten Fernen, raffiniert gemischt. Im ersten Moment ist kaum auszumachen, dass hier Piccoloflöten schwirren und Violinen flirren. So geht es los. Bald setzt die Stimme ein, behutsam, tastend, auf ruhigem Atem. «Let me tell you how it was», singt Barbara Hannigan, jeden Laut wägend, als suche ihr lyrisches...
