Gefallene Engel
Sie wurden geliebt, sie wurden gefeiert. Sie erhielten die denkbar höchsten Gagen, sie waren die Helden der Höfe. In ihnen sah man das Ideal der Reinheit bewahrt – nota bene: die Reinheit der Kunst. Und jeder, der sein Herz an die Bühnenwerke des Barock verloren hat, kennt ihre berühmtesten Vertreter: Farinelli, Senesino, Caffarelli, Carestini, Nicolini. Doch nur wenige wollen (oder können) sich daran erinnern, was es bedeutete, ein Kastrat zu sein – ein Engel wider Willen. Es bedeutete unfassbaren Schmerz.
Und im schlimmsten Fall, dass dieser Schmerz nicht gelindert wurde durch den Applaus. Dass er vergeblich war.
Matteo, dem Protagonisten in Daria Wilkes Roman «Die Hyazinthenstimme», ergeht es am Ende zum Glück nicht so. Seine Stimme betört die Massen, als er im Theater an der Wien den Titelhelden in Francesco Cavallis «Eliogabalo» verkörpert, mit jener himmlisch hohen Sopranstimme, die mit ihrer gläsernen Schönheit Risse in die Wände zeichnet, und deren zärtliche Fülle das Auditorium in ungläubiges Staunen versetzt.
Es muss eine kundige Autorin sein, die einen solchen Augenblick so beschreiben kann: «Dann holte Matteo tief Luft und machte, was er nicht tun sollte – er machte ...
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Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 27
von Jürgen Otten
Während Händel- und Vivaldi-Recitals boomen, hat die noch immer unterschätzte französische Barockoper auch hier das Nachsehen. Ihr theatrales Gesamtkunstwerk aus Aktion, Gesang und Tanz eignet sich weniger zur vokalen Selbstdarstellung als die italienische Seria mit ihren virtuosen Abgangsarien, und für den gegenwärtige Counter-Hype liefert sie kein Stimmfutter....
Als identitätsstiftendes «Friedenswerk» war gedacht, was einige Künstler unter dem Eindruck der Verheerungen, die der Erste Weltkrieg hinterlassen hatte, 1920 initiierten: die Salzburger Festspiele. Menschen aus aller Welt sollten in der Mitte Europas, fern der Metropolen, zusammenkommen, um in der Anschauung großer Kunst neue Wege der (Selbst-)Verständigung über...
Die «Walküre» wartet mit den Kulissen auf, die wir schon aus dem «Rheingold» kennen (siehe OW 1/2019). Allerdings wurden etliche der Pressspantafeln aus den hohen Wänden gebrochen und liegen trümmergleich am Boden. An Göteborgs Opernhaus ist die Zersetzung von Alison Chittys Einheitsbühne, die in «Siegfried» und «Götterdämmerung» fortgeschrieben werden soll, längst...
