Fremd sind wir uns selbst
Kann man dem Mythos von Medea, der über Jahrhunderte immer wieder musikalisch gedeutet wurde, noch eine eigene Lesart abgewinnen? Die Stuttgarter Uraufführung «Fremd» gibt als Antwort ein überraschend eindeutiges Ja. Hans Thomalla hat mit Grillparzers Trilogie «Das goldene Vließ» denselben Ausgangspunkt gewählt wie Aribert Reimann 2010 und schreibt – in der Nachfolge von Nono und Lachenmann – ein konzeptionelles Musiktheater, das mit dem Stoff zugleich dessen paradigmatische Bedeutung für die abendländische Kultur ins Zentrum rückt.
«Fremd» erzählt mehr als nur eine Liebesgeschichte mit tödlichem Ausgang. Es geht um die Konfrontation zweier einander entgegengesetzter Erfahrungs- und Ausdruckswelten: Natur und Begriff, Frau und Mann, autonomes Subjekt und logozentrische Vernunft. Die Texte hat Thomalla sich aus unterschiedlichen Vorlagen herausgebrochen, aber nicht im traditionellen Sinn vertont, sondern gleichsam musikalisch überschrieben.
Die erste Station zitiert, mit der «Argonautika» des hellenistischen Epikers Apollonios, den Raubzug der Griechen nach Kolchis: ein Heldenkatalog der wie aus einem Armeebericht namentlich verlesenen 32 Abenteurer, die von der Musik für Momente aus ...
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Opernwelt August 2011
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Uwe Schweikert
Ein «Ring» für die Pariser Oper war mit Blick auf das Wagner-Jubiläum dringender Wunsch des neuen Intendanten Nicolas Joël. Der letzte am Haus war 1976 von den alternierenden Regisseuren Peter Stein und Klaus Michael Grüber nach den ersten beiden Abenden abgebrochen worden. Am Châtelet folgten der «Ring» von Pierre Strosser, später die Übernahme des Zürcher...
Die Eröffnungspremiere in der Arena di Verona ist mal wieder eine Zitterpartie bis fast zur letzten Minute. Angstvoll wandern die Blicke der Besucher gen Himmel – doch das Wetter hält. Der angekündigte Regen fällt nicht, am Ende reißt sogar der nächtliche Himmel auf, und während Violetta Valéry ihr Leben aushustet, steigt direkt hinter Bühne goldgelb der Vollmond...
Herr Lucic, Inszenierungen des «Macbeth» spielen häufig in einer Ostblock-Diktatur. Sie sind in einer Ostblock-Diktatur groß geworden. Sehen Sie auch diese Parallele?
Ich würde das nicht vergleichen. Für mich ist Macbeth einfach eine verrückte, blutige Figur, die im Grund ganz unsicher ist. Ich sehe ihn auch nicht als zutiefst bösen Menschen. Für mich erklärt sich...
